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Es war einmal

Kein Gott in der Nähe - Mutterland (Band 3)=

Nach Verenas Anruf konnte ich nicht anders. Ich vergrub mich in meinem Arbeitszimmer, nahm Aufzeichnungen der letzten Jahre aus dem Regal. Vom Hof her hörte ich immer noch Stimmen. Aus dem Zimmer nebenan drang Mutters Schnarchen. Mit ihr lebte das Haus wieder.
Das Leben lässt sich nicht fassen. Du greifst hinein, die Augenblicke rinnen wie Sand aus der Hand. Mutter sagte mal, sie sehne sich in bestimmten Situationen zurück. Sie kann alles genau vor sich sehen. Sie war erst sechzehn, als die Freundin ihr den Fritz vorstellte. Er war als Wehrpflichtiger in Stettin stationiert. Nimm keinen in Uniform, hatte ihr der Bruder geraten. Soldaten bleiben nicht lange an einem Ort. Sie gehen und lassen ihre Mädchen sitzen. Der Fritz nicht. Der war kein Draufgänger. Es hat gedauert, ehe er wagte, ihre Hand zu berühren und seinen Arm um seine Marie zu legen. Mutter hat mir das erzählt. Warum sollte sie mir was vormachen? Endlich beschützt werden. Sie hätte in der Großstadt untergehen können. Mit Fritz bekam ihr Leben Farbe. In diesen Augenblick kann sie nie zurück. Sie sieht ihn vor sich wie unter Glas. Das trennt sie von der Gegenwart. Fritz schrieb ihr nach seiner Entlassung aus dem Militär, er habe zu Hause alles vorbereitet, sie solle kommen. In diese Freude möchte sie noch einmal hineinrutschen. Es geht nicht. Nur Erinnerungen helfen. Die Reise von Stettin in den Harz war lang. Sie war noch nie allein weit weg gewesen. Einmal wurde sie vom BDM aus in den Schwarzwald verschickt. Davon erzählte sie gern. Vorher hatte sich nie einer um sie gekümmert. Bis auf eine Lehrerin in der Haushaltsschule. Nun hatte sie einen Freund, den Fritz, der sie zu sich nach Hause holte. Sie waren beide unerfahren. Sie war sein erstes Mädchen, er war ihr erster Freund. Wen sollten sie fragen? Sex war ein Tabuthema. Beim Gynäkologen holte sich Mutter Rat, sie dachte, die Schwierigkeiten, die sie miteinander hatten, lägen bei ihr. Der Arzt meinte nach der Untersuchung, er könnte mit ihr problemlos schlafen. Wenigstens gesund fühlte sie sich nun. Sie mussten beide lernen, sich nicht wehzutun. Er war ihr Mann und verlangte nach ihr. Sie wollte, dass er mit ihr zufrieden ist. Fritz war ihr Beschützer in der Verwandtschaft, die einer Städterin skeptisch begegnete. Es folgte für Mutter ein schweres Jahr, in dem sie Kühe melken lernte, Wolle spinnen und eine Harke richtig anzufassen. Sie schreckte vor keiner Arbeit zurück. Der Krieg begann. Fritz wurde eingezogen. Sie verloren sieben Jahre ihres gemeinsamen Lebens. Zum Glück kam er heil aus dem Feld zurück. Er erzählte nicht, was er erlebt hatte. Er sah nach vorn. Und er hat immer nach vorn gedacht und für die Familie gesorgt. Vorbei, alles war unwiederbringlich vorbei. Fritz war schon zwanzig Jahre tot. Sechzig gemeinsame Jahre hatten sie erlebt. Wo waren die geblieben? Die Familie ist groß geworden. Aber niemand kann ihr den Fritz ersetzen.

Jede Zeit hat ihren Platz. Der Wind streicht über verlassene Orte. Auch mich packte Sehnsucht nach dem Gestern. Lieber Kuckuck sag mir doch, wie viel Jahre hab ich noch? Jeder Abschied schmeckt schon nach Ende.
Wahllos schlug ich einen Ordner auf. Tagebuchnotizen, Klebezettel, Karten, Zeitungsausschnitte, SMS-Texte und ausgedruckte Mails, alles hatte ich säuberlich einsortiert. Ich versank in meinen Aufzeichnungen. Der Ausflug mit Hajo lag mehr als zehn Jahre zurück.
Ich rechnete nach. Die Zeit hat schnelle Füße. An das Wochenende erinnerte ich mich. Hajo hatte angefragt, ob ich Zeit für ihn hätte. Wir einigten uns auf den Sonnabend. Nachbarn wollen ausgerechnet an dem Abend mit uns grillen. Ich suche nach einer Ausrede. In der Nacht schlafe ich schlecht, weil ich mit Alex nichts geklärt habe. Am Morgen aber überwinde ich mich und rede mit ihm. Hajo wird mich abholen. Ich könnte ihm Hohenfeldenauer Umgebung zeigen, werde eine Textpassage vorlesen und muss ihn einiges über seine Klinik fragen, erkläre ich Alex kurz und knapp.
Er hat nichts dagegen. Danach geht es mir besser.
Alex entschließt sich kurzerhand, für ein paar Tage zu seiner Schwester zu fahren. Das passt gut. Er packt seine Reisetasche und fährt schon am Vormittag los. Mutter und ich winken ihm nach. Wie immer, wenn Alex mittags nicht da ist, kocht Mutter Pellkartoffeln. Dazu gibt es Matjes und Zwiebelringe. Am Nachmittag begleite ich Mutter treppauf in ihr Zuhause. Wir hatten ihr die Stube genauso eingerichtet, wie sie im Harz gewesen war. Ihr Kleiderschrank diente zugleich als Raumteiler zwischen Kammer und Garderobe. Ich stelle die Kanne Tee auf den Tisch, die Augentropfen auf das Tablett neben Tasse und Teller. Nachdem sie ihre Beine aus den Binden gewickelt hat, rutscht sie zurück in den Liegesessel. Sie schließt die Augen. Der erste Teil des Tages ist geschafft. Wir verabschieden uns. Ich fahre weg, sage ich, um sie darauf vorzubereiten, dass für ein paar Stunden niemand im Hause sein würde. Sie nickt dazu und protestiert. Ich bin kein kleines Kind. Du musst nicht auf mich aufpassen.
Ich beruhige sie, küsse sie auf die Stirn und verlasse den Raum.
Halb vier klingelt Hajo. Ich hole ihn rein, umarme ihn. Hajo überreicht mir ein Mitbringsel aus Aachen. Eine Spezialität. Aachener Printen, Kräuterlikör und Gebäck. Du magst zwar nix Süßes, sagt er. Die Printen sind für Alex und das Gebäck ist für deine Mutter.
Schläft sie?
Glaube nicht.
Er steigt zu ihr hinauf.
Na, sagt er und tritt dicht zu ihr heran. Wie geht es denn?
Mutter weiß sofort, wer da fragt.
Naja, sagt sie. Wenn es besser ginge, wäre es nicht auszuhalten.
Hajo stimmt zu. Er reicht Mutter das Gebäck.
Habe ich mitgebracht. Er wartet, bis sie versteht. Für die Marmelade. Aus Aachen, erklärt er.
Junge, Junge, sagt Mutter.
Aachen ist eben Aachen. Da kann ich nicht anders.
Wir haben den ganzen Schrank voll Marmelade, sagt Mutter.
Hajo legt seine Hand auf ihre Schulter, als er sich verabschiedet. Und immer schön trinken, verordnet er, als er die Teekanne sieht.
Bevor wir losfahren, geht Hajo über unseren verwilderten Hof. Sogar bis in den Garten treibt es ihn. Er zieht sich eine Möhre und kaut drauf los.
Du bist ein Dieb. Lass dich nicht von Mutter erwischen. Sie ist die Gärtnerin.
Als wir aus Hohenfeldenau rollen, erzähle ich Hajo vom Jahrhundertwerk, dem Wasserstraßenkreuz. Das könnte ich ihm zeigen. Das absolute Männerprogramm. Blick in und über Baustellen, in und auf Technik. Ob es ihn interessiert? Hajo ist mit allem einverstanden. Ich rede von alten Betonbecken, vom längst verwachsenen Kanalbett, den Betonruinen, Zeugen ehrgeiziger Pläne, die der Krieg beendete.
Wir besichtigen also. Zuerst die Doppelschleuse.
Der Nachmittag sonnt sich träge. Wochenendler bevölkerten jede Aussicht. Die gewaltsam veränderte Landschaft erinnert uns an den Kaliabbau. Die Halden am Horizont, weiße Kulissen steigen aus dunklen Wäldern.
Hajo besieht sich Info-Tafeln und Baustellen. Geschleust wird dann in beide Richtungen. Schiffshebewerk? Wird das nicht überflüssig?
Auf dem Weg zum Auto schüttle ich mir Sand aus den Schuhen. Wir folgen der alten Straße in den Nachbarort. Oben auf der Kuppe im Kurvenknie lenkt Hajo auf den Randstreifen. Wir steigen aus. Ich mache die ersten Fotos. Hajo zwischen Betonresten. Vielleicht ist das die letzte Gelegenheit, die verwachsenen Baustellen zu zeigen.
Auf der anderen Straßenseite fällt der schmale Straßenrand hinab in eine Mulde. Versteckt in einer grünen Bauminsel lässt sich ein Anwesen erahnen.
Dann rollen wir den Berg hinunter und verlassen die Hauptstraße. Vor uns der Parkplatz am Waldrand. Ausflügler. Ein Bus mit Aachener Kennzeichen. Aufbau Ost wird vorgeführt und bestaunt.
Ausgerechnet Aachen. Gibt es nun Zufälle oder nicht? Wir laufen durch den Herbstwald, der Aussicht entgegen, die den Blick auf Trogbrücke und Fluss freigibt. Hajo will wissen, warum die DDR den Kanalbau nicht vorangetrieben hat. Die Mittel werden nicht gereicht haben. Und vielleicht gab es auch einen politischen Grund. Hajo beguckt sich alles interessiert. Das technische Wunder wie in Minden. Einen Kanal über den Fluss heben. Ist doch verrückt. Ich erzähle von der Jahrtausenddisko, die im Trogbett geplant war und wegen mangelnder Beteiligung abgesagt wurde. Technik und Kunst, Technik und Kultur! Und alles mega. Das erinnert mich an Ferropolis. Ein gigantischer Wahnsinn.
Wir gehen zum Parkplatz zurück, beugen uns über abgestorbenes Holz, über Ameisenhaufen, sind ganz in der Natur, die unaufdringlich und bescheiden fortbesteht durch alle Menschenjahrhunderte mit ihren Schneisen aus Beton, Eisen und Chemie.
Der Himmel blaut ungeniert und Sonnenwege riechen verführerisch nach Herbst. Sorgenfreie Augenblicke. Wir rollen durch den Ort. Die Straße ist neu, manche Häuser haben sich herausgeputzt. Erhabene Landhäuser neben den typischen Bauerngehöften. Das alte Landgasthaus, einstige Diskohöhle. Wir folgen einander neugierig in verfallene Winkel der abgesperrten Ruine. Die einstige Seeterrasse wurde von Jahr zu Jahr brüchiger. Verfall, Verfall, nur die alten Kastanien tragen unbeirrt ihre Kronen. Ich erinnere mich an Frieders Skizzen. Für Ulrike war Frieder ein Genie. Sie waren damals sechzehn und trieben sich in Abrisshäusern rum. Frieder suchte die Einsamkeit. Die Eltern hatten ihn rausgeworfen. Ulrike brachte ihn mit in unsere Familie. Er konnte es nirgendwo lange aushalten. Auch nicht bei uns. Hätte ich damals Hajo gekannt, wäre Frieder vielleicht nicht zugrunde gegangen. Der Gedanke an ihn macht mich noch nach Jahren traurig. Ich erzähle Hajo von ihm. Frieder war ein unglücklicher Junge, der Stimmen hörte, die ihn in den Tod hetzten. Niemand hatte die Krankheit erkannt. Die Eltern weigerten sich über seinen Tod hinaus, von ihm zu sprechen. Zur Beisetzung waren sie nicht gekommen. Unsere Kinder konnten das nicht fassen. Sie trauerten mit den Geschwistern um ihn.
Zu spät, sagt Hajo.
Für Frieder war immer alles zu spät. Vermutlich von Beginn an.
Hajo meint das verfallene Gebäude.
Das war als Hotel ein beliebtes Ausflugsziel, höre ich mich erklären. Vergnügungsdampfer legten an.
Ich sehe Frieders trauriges Gesicht vor mir aufsteigen und plappere schwachsinniges Zeug. Genau unter solcher Oberflächlichkeit litt Frieder. Tiefe Empfindung stößt auf Smalltalk.
Ich vertreibe Frieder aus meinen Kopf. Unsere Nachbarin kann sich noch an das Hotel erinnern. So schnell geht das mit dem Verfall. Die Natur nimmt sich alles zurück.
Selbst wenn man viel Geld hätte, sagt Hajo. Es müsste alles abgerissen werden. Für die Kinder ist das, was man baut, mal nichts mehr wert. Oder glaubst du, deine Kinder ziehen irgendwann nach Hohenfeldenau?
Die Enkel vielleicht, sage ich zweifelnd. Magdeburg ist in der Nähe.
Was ist schon Magdeburg, sagt Hajo. Berlin, Hamburg, München sind Magneten.
Vielleicht, vielleicht auch nicht, denke ich.
Ich erlebe, wie Hajo im Verfall den Charme entdeckt.
Der Platz wär schon ideal. Hajo träumt.
Wir beschenken einander mit einer Kastanie.
Wieder an der Elbe, setzen wir uns auf eine Bank, sehen in die Strömung. Ich versuche zu erklären, was da am anderen Ufer zu sehen ist. Der Kirchturm eines Elbdorfes. Flussabwärts die Trogbrücke. An dem Tag, an dem sie eingeweiht wurde, war natürlich alles da, was da sein musste. Partei, Regierung und Presse. Menschenskinder, das ist ja ein Ostspruch, der von Partei und Regierung. Oder?
Woher weißt du, dass er Stimmen hörte?
Frieder? Seiner Schwester hatte er davon erzählt. Er ist nicht mal zwanzig geworden.
Hajo streckt sich lang aus. Sonne auf der Haut und der Fluss atmet leise.
Wir hätten ihm helfen können, sagt Hajo.
Wahrscheinlich, denke ich.
Vielleicht ist gerade deshalb der Schmerz um ihn wieder da. Ich spüre Frieder überall, wohin ich auch sehe. Er hat hier gesessen und skizziert. Die Dunkelheit hereinbrechen sehen, sich in hellen und dunklen Nächten verlassen gefühlt und das Dämmern im Morgenlicht erwartet. Ich war manchmal ungehalten, weil ich mich nicht auf ihn verlassen konnte.
Das gestehe ich. Hajo nickt dazu, als hätte er sich das denken können.
Das löst mich aus Schuldgefühlen. Dafür bin ich Hajo dankbar. Uns umspannt des Horizont, der himmelhoch aufsteigt und sich tief im Fluss widerspiegelt. Wir gehen den Weinberg hinauf und suchen uns einen Platz, von wo aus wir hinabsehen können. Elbe, Flussauen, dahinter die Stadt mit dem Dom. Umschlossen vom Industriegürtel. Rothensee im Sonntagsschlaf. Ballons schweben im Blau, Flieger zerkratzen den Himmel. Hajo sucht sich einen Platz auf dem Rasen. Ich setze mich in seine Nähe, blinzele in die Sonne und suche den schiefen Holzturm der Buga, der gar nicht weit weg ist und den ich doch nicht ausfindig machen kann.
Mir wird es auf dem Rasen bald zu kalt. Ich wandere unruhig um Hajo herum. Setze mich auf die Bank, die brav zur Aussicht einlädt. Die gemeinsame Zeit einfach nur vergehen lassen, empfinde ich als Zumutung. Ich umrunde Hajo mehrmals, lasse ihn Gräser und Blumen bestimmen. Er glaubt mir kein Wort. Wiesenstorchschnabel klingt ihm wahrscheinlich zu erfunden. Er streckt sich lang aus. Liegt im Gras mir zu Füßen, die Arme unterm Kopf verschränkt, blinzelt in den Himmel. Ich bestreue Hajo mit Grassamen. Hajo protestiert.
Du bist ein Dickhäuter, schimpfe ich. Deine Haut möchte ich nicht geschenkt haben. Ich knicke ein Blatt ab, streiche über Stirn und Nase, ziehe eine Linie um den Mund. Wer nichts fühlt, wird nicht geküsst, sage ich. Abrupt setzt er sich hin. Das kann er nicht haben, dass ihm einer seine sinnliche Wahrnehmung beleidigt.
Weil überall Gras ist, sagt Hajo. Da kann die Haut nicht noch Grassamen registrieren.
Ausreden, weiter nichts. Du fürchtest dich. Das ist alles. Könnte ja was Fürchterliches passieren.
Ich setze ihm einen Marienkäfer auf den Handrücken. Leute hocken hinter uns auf der Bank. Ich habe sie nicht kommen hören. Ich räume meine Tasche aus, um mich daraufzusetzen. Und dann lese ich in den Sonnenuntergang hinein. Wildgänse ziehen schreiend ihre Bahn. Romantik eines Sonntags am See steigt uns aus dem Fluss entgegen. Während ich die Stimmung aus Manuskriptseiten entstehen lasse, sieht Hajo in die rote Sonne. Von der Elbe herauf klingt ein Akkordeon. Ein Dampfer legt am anderen Ufer an. Ausflügler laufen durch die Wiesen. Das ist mein Hintergrund. Darauf lege ich die Bilder unserer letzten Begegnung, die ich aufgezeichnet habe.
Da sah ich Hajo im Bogen des Tages, der sich wie ein Augenlid hob. Alles war romantisch verseucht. Und dann zerkratzte ich die Idylle.
Du hast dich aufgeführt wie ein Blödmann. Der Satz steht da. Ich habe ihn geschrieben, ich muss ihn vorlesen. Das ist unser Deal. Gefühle unverfälscht widerzuspiegeln. Wir hatten uns an dem Abend für ein kleines Restaurant entschieden. Ein hübsches Mädchen bediente. Meine Aufzeichnungen gleichen an manchen Stellen einem Protokoll. Ich lese extra langsam vor, damit Hajo nichts überhört.

Hajos Blick bekam einen verdächtigen Glanz. Er sah dem Mädchen unverhohlen auf die Brust.
Guck dir diesen Kerl an, dachte ich. Hajo mutierte zum Gockel. In der Rolle hatte ich ihn noch nicht erlebt.

Erwischt. So sind halt Männer, sagt Hajo gutgelaunt, als ich mit dem Vorlesen fertig bin.
Du wärst doch am liebsten sofort mit dem Mädchen ins Bett gefallen, behaupte ich.
Hajo widerspricht. War nur eine Anmache.
Du warst geil auf sie. Glaub nicht, dass ich doof bin.
Glaube ich nicht, erwidert er amüsiert. Aber es gehört sich nicht, da hast du schon Recht.
Ich stecke das Skript zurück in meine Tasche. Mir ist kalt geworden. Die Sonne hat ihre Farben versenkt. Schon beim Lesen kriecht Kälte über meine Rippen. Aber nun klappere ich mit den Zähnen. Ich stehe auf und schüttele mich vergeblich. Warm wird mir nicht. Hajo weiß nicht recht, was er machen soll. Mit seinen Händen rubbelt er über meinen Rücken. Das tut weh.
Und dann nimmt er mich in seinen Arm, hüllt mich in seine Jacke mit ein. Das hilft.
Auf dem Weg zum Auto reden wir über Katharina. Es kriselt mächtig, sagt er. Und vorsichtig erinnere ich ihn daran, dass er mir letztens sagte, er wird nicht um sie kämpfen, denn er kämpft niemals um eine Frau, um eine Liebe.
Unter der Autobahnbrücke bleiben wir verzaubert stehen. Sie hebt sich gigantisch über den Fluss in den Abendhimmel. Ach wäre ich ein Maler. So aber muss ich nach Worten suchen. Immer nur Worte.
Ein Foto bringt das nicht, sagt Hajo.
Ich taumle ein bisschen. Zu viel Schönheit um mich herum. Das bleibt als Stimmung in mir auch als wir weitergehen.
Wir finden gerade noch zwei Plätze im Gasthaus, in dem gehochzeitet wird. Hajo schwärmt mal wieder von dem Haus, das er bauen wird und in dem er nicht allein leben will. Nur jetzt könne er sich nicht für das Zusammenleben mit einer Frau entscheiden.
Das Brautpaar feiert laut an uns vorüber. Die Armen, denke ich oder sage ich das? Hajo lächelt wissend in sein Glas.
Es ist dunkel, als wir zurückkommen. Hajo lässt mich aussteigen und fährt gleich weiter.
In mir summt der Nachmittag. Ich melde mich bei Mutter zurück. Sie sieht nur kurz vom Fernseher auf.
Alex hat noch nicht angerufen. Er muss längst bei seiner Schwester angekommen sein.

Ich klappte den Ordner mit meinen Eintragungen zu und stellte ihn ins Regal zurück. Wie schnell die Jahre vergangen waren. Unglaublich. An Kindern und an alten Leuten sieht man das besonders krass. Wohin läuft die Zeit mit ihren schnellen Füßen? Und wir rasen mit. Das Bild wurde ich nicht los. Ganze Landschaften verändern sich. Das Wasserstraßenkreuz ist längst in Betrieb. An das verwilderte Kanalbett erinnert nichts mehr.
Der Abend hatte den Himmel geschwärzt. Auf dem Hof war es still geworden. Ich ging zu Mutter rüber, blieb mitten im Zimmer stehen und hoffte, ein Lebenszeichen wahrzunehmen. Ich hielt die Luft an, trat näher an ihr Bett. Ihr Atem war nicht zu hören. Vorsichtig tastete meine Hand über ihr Bett. Ihre Hand zuckte bei der Berührung und löste mich aus der Ungewissheit. Mutter schlief.
Mutter schlief auch noch am Morgen fest. Wir frühstückten ohne sie. Unsere Stimmung war gedrückt. Wird Mutter sich wieder erholen? Wird sie wie bisher ein paar Stunden auf den Beinen sein können. Und wenn nicht? Wir schoben die Frage weg.
Mutter hat einen starken Lebenswillen. Wenn es darauf ankommt, kämpft sie. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Aber wir haben auch nur ein Leben. Mit dem Aufopfern ist es so eine Sache. Das macht alle nur kaputt.
Es war zu früh, um sich auszumalen, wie wir unser Leben organisieren werden, wenn Mutter bettlägerig würde. Ohne spürbare Einschränkungen wird ihre Versorgung nicht möglich sein. Fremde müssten Pflege übernehmen. Fremde ins Haus holen, das lehnte Mutter bisher kategorisch ab. Solche Gespräche machten sie böse. Wir beruhigten uns alle drei.
Noch ist es nicht so weit, sagte Alex zu mir. Jeder von uns beiden wird etwas aufgeben müssen. Wie wir es auch drehen, es bleibt eine Gratwanderung.

Der Fall Nathalie

Der Fall Nathalie

12. Mai. Muttertag.
Nach dem Frühstück begebe ich mich zum Bahnhof, nehme von dort einen Blumenstrauß rot-gelber Rosen mit Schleierkraut und fahre nach Erfurt zu Mutter. Der Tag scheint geeignet, sich auszusprechen, die Wogen zu glätten.
Wolfgang hat eine sehr geschmackvolle Glückwunschkarte mit herzlichen Worten versehen. Beigefügt hat er ein Familienfoto mit drei strahlenden Gesichtern und einem weißen Zusatzblatt, auf dem er mitteilt, dass er bald promovieren könne. Für Melissa habe das letzte Halbjahr dieser unsäglichen Referendarzeit begonnen. Victor gefalle es im Kindergarten. Überhaupt gehe es ihnen sehr gut. Einen neuen Mercedes haben sie sich zugelegt, und in zwei Monaten soll es mit dem Hausbau angehen.
Vater statte ich ebenfalls einen Besuch ab. Bei ihm ist es ungleich schwerer, ihn zu überzeugen. Selbst als ich am späten Nachmittag aufbreche, bleibt eine deutliche Spur Skepsis bei ihm zurück. Trotzdem bin ich erleichtert, den Faden zu ihm wieder gefunden zu haben.
Leider ist auch in meiner derzeitigen Weimarer Wohnung kein Telefonanschluss installiert. Auf meine Nachfrage hin, teilt mir das zuständige Amt mit, dass ein Anschluss weder jetzt noch in Zukunft vorgesehen sei, da es sich bei mir um keine Langzeitvermietung handle. Wenn ich auf einer Fernsprechanbindung bestünde, könnte ich das nur über eine Eigenfinanzierung erreichen.
Marco ist nicht wieder aufgetaucht. Ich weiß nicht, ob ich darüber froh oder doch eher besorgt sein sollte. Mich bei seinen Eltern zu melden, finde ich unpassend.
Bei Rossberg läuft so gut wie gar nichts mehr; der Familienstreit ist offen eskaliert. Selbst im Geschäft kam es zwischen beiden in Anwesenheit von Kunden zu äußerst üblen Streitereien. Birgit wurde vor einer Woche gekündigt. Meine Lohnnachzahlung für letzten Monat steht noch immer aus. Von meinem Leihgeld habe ich trotz wiederholten Nachfragens bislang noch nicht eine Mark gesehen. So kann es nicht weitergehen. Ich weiß, ich muss mir etwas einfallen lassen. Marianne wäre eine Option. Sie bedauert das sehr, sagt sie mir, aber auch sie habe einen festen Personalstand, der eine zusätzliche Stelle nicht verkrafte.
Donnerstagabend. Kekse und ein Glas Apfelsaft auf dem Tisch. Ich habe es mir auf der Couch bequem gemacht und lese „Seedorn“ von Hanns Cibulka. Während des Lesens macht mich eine Stelle nachdenklich: Die Biographie eines Menschen, gleicht sie nicht einem Eisberg? Zwei Drittel des Berges schwimmen unter der Wasseroberfläche, unsichtbar.
Es klingelt.
Marco, abgehetzt, schwer atmend, platzt herein.
Ich muss diese Nacht bei dir bleiben. Frage nicht. Es ist so.
Ich halte mich daran. Da es kurz vor zweiundzwanzig Uhr ist, ziehe ich die Couch zur Doppelbettliege aus. Wütend schmeißt er die Kühlschranktür zu. Nein, Bier habe ich keins.
Morgen früh um fünf Uhr muss ich weg. Sein Auftritt erlaubt kein Nachfragen, das habe ich verstanden.
Mit dem Rücken zu ihm, liege ich hellwach. Die Bettdecke bis unters Kinn gezogen. Das Bild vom Gesicht seines Vaters habe ich vor mir, es will und will nicht verschwinden: Er kann so nett sein und im nächsten Moment … Den „nächsten Moment“ erlebe ich jetzt. Meine rechte Schulter beginnt zu schmerzen. Ich traue mich nicht, die Liegeposition zu verändern, obwohl Marco leise zu schnarchen beginnt.
Tatsächlich! Noch vor Sonnenaufgang steht er auf. Frühstücken will er nicht. Will auch nicht reden. Also lass ich ihn in Ruhe. Immer wieder schaut er auf seine Armbanduhr.
Machs gut, ich melde mich bald.
Dann küsst er mich auf die Wange und verschwindet, verlässt die Wohnung, ohne das Licht angeschaltet zu haben.
Draußen beginnt es zu dämmern.
Von dieser Nacht wird niemand etwas erfahren, das schwöre ich mir.
Schon kommende Woche macht er sein Versprechen – soll ich es so nennen? – wahr. Heute bringt er eine dunkelblaue Adidas-Sporttasche mit. Was ich erahne, bestätigt er: Diesmal werde ich ein paar Tage länger bei dir bleiben. Wird schön werden. Ich mach das Frühstück und wenn du abends kaputt von der Arbeit kommst, ist – wie bei „Tischleindeckdich“ – der Abendbrottisch bereitet.
Mit ist nicht nach Märchen. Die Wahrheit will ich wissen: Was ist los. Weshalb, wovor musst du dich verstecken?
Marco kneift die Augen zu, sieht mich scharf an. Nur einen Moment, dann wird sein Blick wieder sanft und weich, und er gesteht mit verzweifelt klingender Stimme, dass er tatsächlich in Schwierigkeiten stecke. Er habe mit Bekannten Karten gespielt, viel gewonnen, doch der Verlierer habe sich zu zahlen geweigert. Da sei es zwischen ihm und dem Kumpel zu einer Auseinandersetzung, zu einer Schlägerei, gekommen. Die Polizei rückte an. Da musste er natürlich fort, sich in Sicherheit bringen. Egal, wie es gewesen sei, ihm als Knastbruder hätte man doch sowieso nie geglaubt …
Was soll ich machen? Ihm diese Geschichte abnehmen? Ihn fortschicken? Meine „Mission“ beenden?
Er kann bleiben.
Am nächsten Morgen hält er Wort. Er besorgt frische Brötchen, kocht Kaffee. Ich decke den Tisch.
Als ich gegen halb sieben die Wohnung betrete, finde ich einen perfekten Abendbrottisch vor. An solch einen Dauerzustand könnte ich mich gewöhnen. Keine Spur mehr von Übellaunigkeit.
Samstagnachmittag muss er wieder weg. Ganz plötzlich. Seine Tasche lässt er da. Als Pfand und Versicherung, dass er wiederkomme, wie er lächelnd meint, und verschwindet.
Sonntagsabend, gegen einundzwanzig Uhr, ist er wieder da, angetrunken. Er will sich sofort schlafen legen.
Am nächsten Morgen frühstücke ich allein. Marco schläft noch. Zwei, drei Tassen heißen Kaffee gieße ich in die Thermoskanne. Die Samstags-Brötchen kann er sich im Öfchen aufbacken.
Als ich von Rossberg komme, ist er noch da.
Hör zu, sagt er, ich muss wieder ein paar Tage hier zubringen und kann die Wohnung nicht verlassen.
Ich weiß, ich darf nicht nachfragen.
Hier sind fünfzig Mark. Für Essen. Und, setzt er hinzu, für ein paar Bier und eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn.
Wortlos stecke ich das Geld ein. Weiß, dass ich damit mittendrin im Schlamassel hänge.
Marcos Verhalten hält mir vor Augen, dass mich meine naive Blauäugigkeit bislang keinen Schritt weiter gebracht hat. Will ich also etwas bei ihm erreichen, muss ich zuerst sein Vertrauen gewinnen. Denn noch immer bin ich überzeugt von den positiven Seiten, die er gezeigt hat, hoffe, dass sie eines Tages die Oberhand in ihm gewinnen werden. Vorerst aber lebt er bei mir, hält sich versteckt wie eine Ratte. Er verrät auch nicht, wo er sich sonst aufhält. Dass er den Zweitschlüssel meiner Wohnung, ohne mich zu fragen, an sich genommen hat, macht mir Angst. Ein Stück Sicherheit hat er mir genommen.
Die Mitbewohner im Haus kümmern sich nicht darum, wer bei wem zu Gast ist.
So kann Marco kommen und gehen, ohne dass irgendjemand misstrauisch wird.
Und er nutzt diese Gelegenheit. Mal ist er eine Nacht, dann wieder fast eine Woche bei mir. Was mich mehr und mehr beunruhigt, ist seine beginnende Zudringlichkeit, wenn er etwas getrunken hat. Noch vermag ich mich erfolgreich zur Wehr zu setzen.
Ein Zufall kommt mir zu Hilfe. In der Zeitung stoße ich auf eine interessante Annonce: In Weimar-Schlöndorf wird ein Haus samt Gartengrundstück zu einem ungemein günstigen Pachtpreis angeboten. Zwei Zimmer, Küche, Toilette und ein kleiner Abstellraum werden versprochen. Das könnte es sein! Heute, Samstag, fahre ich nach Arbeitsschluss mit dem Fahrrad die rund drei Kilometer zur Besichtigung. Es ist warm, und ich bin bestens gelaunt. Durch die Unterführung rechts am Bahnhof radle ich die Buttelstedter Straße entlang, vorbei an Einfamilienhäusern mit meist liebevoll gepflegten Vorgärten. Gartenkolonien durchbrechen hier und da die Häuserzeilen, werden schließlich abgelöst durch kleinere Wiesen und bestellte Felder. Linker Hand, bevor die Straße in östliche Richtung abbiegt, grenzt ein Mischlaubwäldchen an. Ich habe Weimars Ortsteil erreicht. Nach etwa einem halben Kilometer gelange ich in die Schlöndorfer Straße, die in die Dorfstraße übergeht. Mein Pulsschlag steigt, als gelte es wie Heiligabend, die Geschenke auszupacken. An der Nummer 41 steige ich langsam vom Rad.
Das äußere Bild ist, gelinde gesagt, ernüchternd. Über verwildertes, kniehohes Gras führt andeutungsweise ein Weg zum Haus. Eher zu einem Häuschen. Immerhin, alle Fensterscheiben, soweit ich erkennen kann, sind unversehrt. Übel hingegen der Außenputz. Die vielen vom Mauerwerk herausgelösten Stücke erinnern mich an grob abgerissene Grinde. Ein Fehler? – Am nächsten Tag gehört das angebotene Anwesen mir. Jetzt bin ich mietfreie „Eigentümerin“ eines Hauses mit Garten!
Die Verhältnisse bei Rossberg spitzen sich zu. Ich bekomme kein Gehalt mehr, soll dafür noch mehr Überstunden leisten.
Es reicht. Am 19. Juni kündige ich. Ich weiß, dass ich nun drei Monate kein Geld vom Arbeitsamt erhalten werde. Dank Großmutters Erbe kann ich mir die Immobilie ohne Kreditaufnahme leisten.
Natürlich geistert mir bei all dem ein Hintergedanke im Kopf herum: Diese neue Wohnung bietet ein ideales Versteck für Marco. So könnte es aussehen: Während ich mich mit Gartenarbeit beschäftige, könnte er vielleicht Gefallen daran finden, sich an dieser oder jener Hausreparatur zu versuchen. Handwerklich hat er ja das Zeug dazu. Und wenn er erst mal eine sinnvolle Arbeit hat, wer weiß, vielleicht ist genau das der richtige Ansatz für einen Neuanfang.
Marco lacht mich aus, als ich ihm meine Pläne anvertraue. Die Idee, das Grundstück gepachtet zu haben, findet er dagegen ausgezeichnet. Aber, sagt er, nicht ich werde in diesem Trümmerhaufen hausen, sondern du. So ernst, wie er das gesagt hat, muss ich seine Drohung wahrnehmen. Gleich darauf beschwichtigt er: Ab und zu werde ich natürlich dort auch meine Zelte aufschlagen und dir zur Hand gehen.
Das eingeschössige Haus ist nicht unterkellert, der Boden nicht ausgebaut. Wohnen will ich dort zunächst nicht. Bestenfalls werde ich die ersten Wochenenden auf einer Campingliege zubringen. Beim Betreten des engen Korridors ergeben die Worte des Verpächters einen Sinn: Seit einem Jahr hat niemand mehr das Haus betreten. Die Tür linker Hand führt in die Küche. Der elfenbeinfarbige Küchenschrank stammt vermutlich aus den fünfziger Jahren. Im Raum stehen außerdem ein arg mit Staub bedeckter Tisch, zwei Stühle, auf die ich mich nicht zu setzen traue, sowie ein mit weißen emaillierten kleinen Türchen versehener Kohleofen. Die Gardinen zu beschreiben – dazu fehlen mir die richtigen Worte.
Im kleineren der beiden anderen Zimmer, dessen Fenster nach Osten gerichtet ist, werde ich schlafen. Mit Sonnenschein aufstehen, das wird schön sein.
Interessant finde ich den Riss, der längs durch den fast einen Meter hohen zurückgelassenen Garderobenspiegel im künftigen Schlafbereich geht: Nachdenklich stehe ich davor und betrachte meine zwei Körperhälften. Eine Seite könnte Mutter gehören, die andere Vater. Bei diesem Gedanken befällt mich plötzlich nackte Angst. Nein, ich will mich nicht ständig beobachtet sehen, will nicht permanent an ein schlechtes Gewissen erinnert werden. Augenblicklich schleppe ich den Spiegel in den Korridor. Dort bleibt er in einer Ecke stehen, mit der Glasseite zur Wand.
Worüber ich ausgesprochen froh bin, ist, dass das Dach in Ordnung sein muss; nirgendwo habe ich Anzeichen oder Reste von Nässeflecken entdecken können.
Ist der für meine Verhältnisse zu riesige Garten auch über die Jahre hinweg arg verwildert, so habe ich doch einen geeigneten Winkel entdeckt, den ich bearbeiten könnte. Ein paar Blumenbeete vielleicht und etwas Gemüse; Schnittlauch, Zwiebeln, Petersilie. Weshalb nicht auch Tomaten oder gar Erdbeeren? Wenn dann im kommenden Frühjahr so alles langsam heranwächst, zu blühen beginnt und schließlich geerntet werden kann – das muss doch auch Marco gefallen. Und meine Oma und Tante erst, was wären sie stolz!
Trotz seines Mitleid erregenden Zustands habe ich mein Haus schon jetzt fest in mein Herz geschlossen. Glücksempfinden, Selbstständigkeit – genau das gibt es mir.
Ich bin zweiundzwanzig, gesund und – arbeitslos. Zeit habe ich also im Überfluss. Und wie so oft, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, muss ich die Dinge sofort angehen.
Entgegen meiner ersten Überlegung will ich mich nun doch nicht nur an den Wochenenden hier aufhalten. Zuerst mache ich mich an die Küche. Ich entstaube, wische und scheure und übergehe dabei mein Hungergefühl. Abends lege ich mich auf die aus Eisenrohren gefertigte Campingliege und wache am nächsten Morgen wie gerädert auf. Alle Gelenke schmerzen. Die abgebrochenen Fingernägel ringen mir nur ein kleines Lächeln ab. Zum Glück wird am zweiten Tag der Strom wieder angestellt. In einem kleinen Laden in der Nebenstraße um die Ecke besorge ich mir ein halbes, in Scheiben geschnittenes Brot, einen Becher Margarine, ein Päckchen Kaffee, einige Beutelsuppen und eine Flasche Rotwein.
Vier Tage belege ich bereits mein neues Zuhause. Marco hat sich nicht blicken lassen.
Dafür bekomme ich am Wochenende unangekündigten Besuch von Vater. Statt seines alten grauen „Trabant“ fährt er nun einen gebrauchten silbermetallic-farbenen „Renault“.
Lachend steigt Andrea aus dem Auto, schwenkt in einer Hand triumphierend eine Flasche Sekt.
Gratuliere, sagt sie, drückt mir die Flasche in die Hand und versucht sogleich, die ineinander gestülpten Plastikbecher auseinander zu ziehen. Wir stoßen an mit dem lauwarmen Sekt und begeben uns ins Haus. Vater sieht sich um, fährt dann in die Stadt. Nach knapp einer Stunde ist er zurück. Am Abend haben wir alle Wände mit weißer Latex-Farbe gestrichen.
Was Vater und auch Andrea nicht mitbekommen: Nachmittags fährt ein blauer Audi vor, hält kurz und braust umgehend wieder davon. Ich war gerade dabei, einen neuen Farbtopf aus Vaters Auto zu holen – als ich Marco sehe.
Binnen einer Woche habe ich mit Erfurter Hilfe alle Räume nicht nur renoviert, sondern mich auch dank gebrauchter Möbel mehr als nur notdürftig eingerichtet. Wobei ich nicht unerwähnt lassen darf, dass Vater mir einen Umschlag in die Hand drückte, in dem sich 500 Mark befanden …
Von nun an werde ich also, entsprechend Marcos Wunsch, hier wohnen. Auf den Fernseher will ich nicht verzichten und transportiere ihn auf dem Gepäckträger meines Fahrrades. Knapp zwei Stunden hat die Aktion bei fast 30 Grad gedauert.
Bald pendelt Marco zwischen beiden Wohnungen hin und her. Nach gut einer Woche frage ich ihn einfach mal so, ob es für ihn nicht besser sei, sich hier fest im Ortsteil Schlöndorf niederzulassen. Auch für mich wäre das besser. Statt einer Antwort gibt er mir mit voller Wucht eine Ohrfeige, sodass ich beinahe zu Boden gestürzt wäre, und fragt mich, ob ich nicht noch so andere intelligente Vorschläge in petto hätte.
Einen Augenblick lang spüre ich gar nichts, begreife nichts. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich geschlagen worden, habe die niederträchtigste Art von Bestrafung erfahren. Und ich weiß nicht, warum …? Marco macht einen Schritt auf mich zu, will mich umarmen, merkt, wie ich mich steif mache. Sofort lässt er mich los. Für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich in seine zornigen, flackernden Augen. Allmählich kehren meine Gedanken zurück. Und er? Als sei nichts gewesen, redet er ganz ruhig auf mich ein, lächelt sogar und meint: Was hältst du davon – wir könnten eine Spritztour mit meinem Audi machen. Als Wiedergutmachung für den kleinen Schreck. Du kannst natürlich bestimmen, wohin wir fahren. Ohne ihm zu antworten, gehe ich in die Toilette, drehe den Wasserhahn auf, lasse das Wasser so lange laufen, bis es eiskalt wird. Dann presse ich den nassen Waschlappen gegen meine gerötete, immer stärker brennende linke Wange. Beim Blick in den Spiegel erschrecke ich vor mir selbst und Tränen schießen mir in die Augen.
Nach einer Minute höre ich, wie ein Motor anspringt und sich geräuschvoll entfernt.
Meine Gedanken sind wieder völlig klar. Habe ich tatsächlich bislang alles, was Marco angeht, nur so als eine Art „Spiel“ angesehen, dann wurde mir soeben auf fürchterliche Weise klargemacht, dass ich es mit purer Gewalt zu tun habe.
Zwei Optionen bleiben mir: Bin ich auch nur einigermaßen vernünftig, beende ich umgehend diese entwürdigende, gefährliche Situation. Oder aber ich löse trotz allem mein Versprechen seinen Eltern gegenüber ein. Meine innere Stimme warnt mich, und doch entscheide ich mich für Letzteres. Nun, da ich beide Extreme Marcos buchstäblich am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, sollte ich bei entsprechender Vorsicht auf seine Ausfälle vorbereitet sein.

Im Garten finde ich Ablenkung und Zeit, um über alles nachzudenken. Mit Spaten und Harke in der Hand, lege ich los. Ich grabe und reche, säe, pflanze und gieße.
Das Angebot einer Telefongesellschaft, mein Haus an das Netz anzuschließen, kommt mir mehr als gelegen. Ich möchte nicht noch einmal ohne Verbindungsmöglichkeit nach außen sein … Diesmal bin ich auch gern bereit, die gesamten Kosten dafür zu übernehmen.
Einen Tag später glaube ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich auf der Sparkasse meinen Kontoauszug ausdrucken lasse: Von einem Weimarer Autohaus wurden über siebentausend D-Mark abgebucht. Ein Missverständnis, ein Buchungsfehler – etwas anderes kommt nicht infrage. Doch die Schalterangestellte bestätigt mir, dass mit meiner Unterschrift die Summe abgehoben worden sei. Schwindlig im Kopf wende ich mich ab.
Als ich Marco, der zwei Tage später sein Auto vor dem Haus parkt, zur Rede stelle, …

Ich sterbe, wenn ich nicht schreibe

Weiß blüht Mohn in der Dämmerung

Texte zum Brigitte-Reimann-Jahr 2013 in Burg herausgegeben für die Literaturvereine Friederich-Bödecker-Kreis in Sachsen-Anhalt e.V. und Pelikan e.V. von Dorothea Iser

Maik Altenburg

>links<


Liebe Brigitte, eigentlich (so fängt man eigentlich keinen Brief an), eigentlich bin ich kein guter Briefschreiber. Bin eher briefträge. Da aber Du zu weit weg bist für ein Gespräch und ich dennoch viele Gedanken habe, angestoßen und zum Schwingen gebracht durch die Deinen, schreibe ich nun einen Brief ins Ungewisse und Ungefähre. Eine persönliche Flaschenpost.
Sagen wir: Eine Flasche Lunikoff (du weißt sicher noch, die mit der geriffelten Kugel über dem kegelförmigen Rumpf), leergesoffen an einem samtigen Samstagnachmittag bei einem Gespräch durch die Welten. Schließlich die letzten Tropfen Sprit übern Feuerzeug erhitzt und dann Zündung und pfuff! Wie er abpfeift, der Flaschenteufel. Ein Akt der Befreiung. Und dann dem von allen Geistern verlassenen Gehäuse einen neuen Sinn geben. Es neu befüllen. Mit einer einmaligen Botschaft. Denken und Fühlen in Sprache verwandeln und Taste für Taste in ein Blatt schlagen. Ein Manus, wie Du gern gesagt hast. Herantasten an die Gedanken und Empfindungen auf dieser, was für ein wunderbares Wort, Reise-Schreib-Maschine.
Weshalb aber ich schreibe? Es gibt Zusammenhänge. Die Welt ist verlinkt. Verrückt, aber verlinkt. Wer sie verändern will, sollte das wissen. Wer sich verändern will, auch. Ich habe nach >links< gesucht, links von mir und rechts von mir. Linkerhand und Rechterhand. Wollte wissen, was habe ich zu tun mit Dir? Was hätte ich mit Dir zu tun haben können? Was betrifft mich? Wo treffen wir uns? Heute ist mir so ein >link< passiert.
Ich las in der Badewanne Deine letzten Tagebucheinträge. „Alles schmeckt nach Abschied“ hattest Du geschrieben. 1970. Da blieben Dir nur noch zwei Jahre und ein paar Wochen Leben. Und ich kam in jenem September zur Schule, begann zu lernen. Deutsche Schulschrift und Disziplin. Die Hände legten wir flach auf den Tisch, eine über die andere. Manchmal kam der Zeigefinger auf den Mund. Über der großen Wandtafel hingen weiße Karten mit schwarzen Zeichen. Buchstaben. Jeder war eine Tür und hinter jeder Tür begann eine Welt. Welten, von denen ich noch nichts ahnte.
Lesen, ja, lesen wurde eine Lust. Zwischen den Buchstaben bestanden Beziehungen. Zusammenhänge. Sie konnten klingen. Im Ohr, im Kopf, im Herzen. „Oma im Haus.“ „Mimi am Tor.“ „ABC - Ich kann lesen.“ Ich wurde süchtig. Bin es noch. Las heute, im warmen Wasser liegend, dass Du Dir vornahmst, mehr über Glück zu schreiben im nächsten Heft, und wusste beim Lesen schon: Du kamst nicht mehr dazu. So hattest Du so etwas wie ein Vermächtnis geschrieben und ich wusch die Tränen ins Badewasser, stieg aus der Wanne, trocknete mich ab und setzte mich an den Küchentisch. Dort lag die heutige Zeitung.
Sagte ich schon, dass ich lesesüchtig bin? Ich entfalte also die Zeitung und sehe was? Dein Bild. Heute vor 40 Jahren bist du gestorben. Es ist der 20. Februar 2013, und während das leicht gesalzene Badewasser in den Abfluss gurgelt, denke ich nach. Über Verbindungen, Zusammenhänge, >links<. Dass du zuerst Lehrerin wurdest und dann Dichterin, überrascht mich nicht.
„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“ Das war mein Thema. Im Jahr 1980. Prüfungsaufsatz Klasse 10 in Deutsch. Ich fand den Gedanken damals so einleuchtend, dass ich ihn nie wieder vergessen habe. Was aber habe ich dazu geschrieben? Aufgesetzt? Ich habe keine Ahnung. Es ging um „Die Aula“, jenes Buch, dem der Autor Herrmann Kant dieses Zitat vorangestellt hatte. Ich erinnere mich an diese Sentenz jederzeit wörtlich, aber ich habe sie merkwürdigerweise verknüpft mit dem Namen Konstantin Paustowski. Das war ein russischer Autor, von dem ich nie etwas gelesen habe. In meiner Erinnerung steht dieser Name unter den beiden Sätzen, entweder im Buch von Kant oder auf dem Zettel mit den Prüfungsthemen oder an der Tafel in irgendeiner Deutschstunde. Kann das sein? Was ist da passiert am Ende meines ersten Schülerlebens? Die Worte stammen in Wahrheit von einem meiner Lieblingsdichter. Heinrich Heine hat das geschrieben. Als ich in der Prüfung über diesen Sätzen brütete, warst du schon seit sieben Jahren tot. Noch nicht ganz Klassik. Aber Klasse. Ich kannte deinen Namen. Du warst eine Türklinke.
Es gab damals in der DDR ein Jugendmagazin mit dem Titel „neues leben“. Jeden Monat enthielt das Heftchen eine Doppelseite mit Zitaten, die „Türklinken“ genannt wurden, weil sie im besten Fall die Türen zu neuen Denkräumen und manchmal zu neuem Leben öffneten. „Franziska Linkerhand“ war oft dabei. Die Autorin hieß Brigitte Reimann und war wohl nicht alt geworden. Mehr wusste ich damals nicht und wollte auch gar nicht mehr wissen. So ein verzwickter Roman wie der über diese Franziska passte nicht in die zukunftsfrohen Geraden meiner bequemen Weltsicht. Ich nahm mit, was mir schmerzarm in den Schoß fiel, und war dankbar, dass die Macher der Zeitschrift oder wer auch immer den ziegelsteindicken Roman für mich gelesen und in Türklinken und Mauerwerk zerlegt hatten. Sie hatten, so glaubte ich, für mich bereits die Klinken von den Klinkern getrennt. Und ich bekam stumpfe Zähne, weil ich nicht selbst kauen wollte, und Beulen schlug ich mir an Wänden hinter blind geöffneten Türen mit einladend winkenden Klinken … Merkst du was? In jeder Klinke steckt ein >link<. Selbst Paustowski will mir irgendetwas sagen…
Ich bin in einer kleinen Stadt an der deutsch-polnischen Grenze aufgewachsen. Die Stadt heißt Frankfurt (Oder). 1980 sah ich DDR-Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen das Flussufer besetzen und unsere kleine Welt war noch ein Stück kleiner geworden. Plötzlich war sie unfreundlich, die „Brücke der Freundschaft“. Kurz darauf rief Jaruzelski das Kriegsrecht aus. Später traf ich einen, der zeigte mir eine Schussnarbe im Oberschenkel. „Einsatz gegen die Konterrevolution in Polen. Parteiauftrag“, sagte er und, „Frag lieber nicht.“ Ich fragte lieber nicht und ahnte doch längst, was ich alles nicht wissen wollte.
Mein Städtchen hat eine große Hallenkirche mit farbigen Fenstern, die sehr spät heimgekehrt sind aus dem Krieg. Die Fenster erzählen Geschichten. Von Christ und Antichrist. Von Tod und Auferstehung. Am Ende von Schuld und Sühne und davon, dass eine Kriegsbeute zurückgegeben wurde, viele Jahre nach dem Krieg. Wer als Sieger so handelt, handelt groß.
Die farbigen Gläser lagen viele Jahre in Kisten, tausende Kilometer weit entfernt von ihren Rahmen im alten Backsteinmauerwerk. Das sollte gesprengt werden. Der Bürgermeister hat sich damals für die Ruine verwendet. Er war kein Christ. Aber er versuchte, das Wenige zu erhalten, was nach dem Krieg von seiner Stadt geblieben war. Vor kurzem starb der Mann und es entbrannte ein unwürdiger Streit darüber, ob man ihn ehren dürfe, den Bürgermeister aus dem Unrechtsregime, der seine Stadt geliebt hatte.
Man erzählte, dass er damals gegen den Willen der Obrigkeit gehandelt habe. Deshalb las ich nach und fand heraus, dass er wirklich eigensinnig gewesen war und dass sein Ungehorsam viele Unterstützer und Anstifter gehabt hatte. Zum Beispiel einen findigen Stadtarchitekten. Der hatte Beziehungen bis nach Berlin. Zu einem einflussreichen Professor der Architektur, mit dem Du gut bekannt warst. Er war Dein Förderer und Herausforderer Professor Herrmann Henselmann.
Die Kirchenruine wurde gesichert und blieb stehen. Später wurde sie ein Raum für Kunst und eine ganz besondere Begegnungsstätte. So konnten die farbigen Gläser mehr als 60 Jahre nach dem Krieg Stück um Stück wieder an ihre angestammten Plätze geordnet werden. Das hätte Dir bestimmt gefallen. Menschen bewahrten die Reste eines historischen Bauwerks und damit die Fassung einer gläsernen Bilderbibel. Und eines Tages kehrten die Bilder zurück.
Bei der Trauerfeier für den Bürgermeister spendeten die Gäste für die Wiederherstellung der Glocken. Wenn heute das Sonnenlicht die Bilder in den Fenstern zum Funkeln bringt, finde ich darin einen ganz persönlichen >link<…
Eine fünfzehn Jahre alte Fotografie zeigt eine Gruppe junger Menschen vor einem Bücherregal, auf einem Teppich im Arbeitszimmer einer kleinen Wohnung in der Bahnhofstraße in Frankfurt (Oder). Ein Treffen der Interessengemeinschaft junger Autoren. Wir gründeten diese Gruppe in den neunziger Jahren als einen Teil des in Frankfurt (Oder) damals noch bestehenden Deutsch-Polnischen Literaturbüros. Junge Schreibende zu ermutigen und zu unterstützen war uns wichtig. Mein Freund, der Dichter und Journalist Henry-Martin Klemt, und ich, – wir hatten bei unseren ersten Schreibversuchen Ermutigung und Unterstützung von den Älteren erfahren. Diese gute Tradition wollten wir fortsetzen. Ich las in Deinen Tagebüchern, dass Du ganz ähnlich dachtest. Dein „Zirkel schreibender Arbeiter“ war ei Nest für die soeben geschlüpften poetischen Jungvögel, ein Start- und Landeplatz für Flugversuche, erste Höhenflüge und Bruchlandungen, aber auch eine kritische Werkstatt für die Arbeit an Deinen eigenen Entwürfen. Das war bei uns ganz ähnlich. Einige von unseren „poetischen Jungarbeitern“ betreuen heute ihrerseits junge Schreibende in Brandenburg und so reicht dieser >link< bereits über uns hinaus … Und die Fotografie birgt noch einen >Zusatzlink<: Die Wohnung, in der sie entstanden ist, war meine Wohnung. Sie war klein, aber sehr angenehm. Zwei helle Räume, ein Bad, eine Küche mit Fenster, ein Balkon mit schmiedeeisernen Ziergittern. Ein Wohnhaus in einer durchgestalteten Straße, die nach dem Krieg entstanden war, funktional und trotzdem gemütlich. Viergeschossige Häuser mit je vier Aufgängen, jedes mit einem kleinen Vorgarten, mit Kommunikationsflächen vor dem Eingang. Jeweils an den Stirnseiten im Erdgeschoss Geschäfte. Eine Kneipe. Ein Brunnen davor. Franziska hätte sie gemocht, diese Straße.
Irgendwann wollte ich wissen, wer meine Straße entworfen hat. Es war Henselmann.
Ja, liebe Brigitte, der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Und weil das so ist, gibt es Verbindungen, die durch die Zeit reichen. Ich bin deshalb auch ziemlich sicher, dass Dich diese Flaschenpost irgendwann erreicht. Oder sie erreicht zunächst jemanden, der sie liest und neugierig wird. Der oder die dann beginnt, nach >link< zu suchen. Jenes jetzt noch unbekannte empfangende Wesen kennt Dich vielleicht überhaupt noch nicht, will aber dann wissen, was es auf sich hat, mit der Linkerhand, dem Henselmann und den Türklinken. Beginnt, Deine Bücher und Briefe zu lesen. Lernt Dich kennen und Dein Leben in jenem fernen Land zu unserer Zeit.
Kommt vielleicht dadurch bei Dir an und so auch: Bei uns. Dein Maik

Bravourös in die Suppe gespuckt

Bravourös in die Suppe gespuckt

Rudis Ohrfeige war kräftig gesetzt und sehr berechtigt

Bei allen Turbulenzen und dem Reisefieber hatte ich jene sorgenvollen Gedanken verdrängt, wie es mit meiner Keramik-Minimanufaktur nun weitergehen sollte. Mir war keineswegs entgangen, dass sich die Billigprodukte aus Italien beim Discounter bis unter deren Decke stapelten und sich augenblicklich keine Sau mehr für meine bunten Sparschweinchen interessierte. Die schlummerten in den Stapeln von Kisten und waren über Nacht zu bleiernen Ladenhütern geworden. Und doch, ich wollte mich nicht geschlagen geben. In einer schlaflosen Nacht kam mir endlich die zündende Idee, die allein würde mich retten. Gutbetuchten Narzissten müsste es doch ein Verlangen sein, von sich eine Portrait-Büste aus edelstem Porzellan zu besitzen. Gäste, Verwandte und die Nachbarn sowieso würden vor Neid zerplatzen, wenn die Persönlichkeit dann zweifach bewundert werden müsste. Visionär sah ich jene Marktlücke vor mir und wollte sie gewinnbringend so rasch wie möglich schließen. So machte ich mich auf gleich einem Wanderburschen und studierte bei Maskenbildnern am Thalia Theater in Hamburg die Kunst des Abformens. Bald war ich bereit für den ersten Versuch am lebenden Objekt. Bei jener Premierenveranstaltung hätte ich um ein Haar meine Nachbarin vom Leben in den Tod befördert. Und das kam so:

 

Rudi wohnte in meiner Straße drei Häuser weiter und spielte im Hotel nebenan Mädchen für alles. Sie putzte, kaufte ein, sortierte Post – und gab unerbetene Ratschläge. Rudi hieß eigentlich nicht Rudi, sondern Hella Rudolph. Weil aber ihre Mischlingsputzigkeit aus Dackel und Jack-Russel-Terrier Rudi hieß und sich Hund und Halterin wie so oft zum Verwechseln ähnlich sahen, hießen für mich beide Rudi. Abgöttisch liebte sie ihren kleinen Hund, trug ihn mit und ohne Körbchen hin und her und ohne Unterlass gab es dabei die feinsten Häppchen, die ausschließlich von Mund zu Mund gereicht und übergeben wurden. Aus lauter Dankbarkeit bekam sie dann jedes Mal vom dicken Vierbeiner erneut einen feuchten Zungenkuss. Die beiden Rudis besuchten mich regelmäßig in meinem Studio. Die zweibeinige Rudi liebelte dann pausenlos ihr Schätzchen ab und genauso pausenlos redete sie auf mich ein. Ich erfuhr Neues über aktuelle Wettertendenzen, Nachbarschaftsgefechte, nicht vorhandene Warenangebote und bekam systemkritische Politinformationen frei Haus geliefert. Ihr permanenter Redeschwall prasselte auf mich nieder wie ein Dauerregen
Das ging nun schon seit Jahren so, nichts hatte sich geändert, nur die Themen waren andere geworden. Wieder saß Rudi plappernd vor mir auf dem Stuhl, redete nun nicht mehr über die Mangelwirtschaft in der HO, sondern ratterte den Kanon der Aldi-Sonderangebote herunter. Heute kam sie mir gerade recht. Ich schmeichelte ihr und bemerkte wie nebenbei, dass sie ein spannendes Profil besäße. Fast römisch-klassisch und allein die fein geformte Nase… Ob sie das denn nicht wisse und eine künstlerische Nachbildung erschiene doch geradezu unausweichlich. Und wie schön wäre es, gäbe es ihr Bildnis aus feinstem Porzellan, zum Beispiel als Geschenk für ihren Mann, der wochenlang fern von ihr das Geld im Westen verdienen muss. Mit diesem Angebinde und Ebenbild würden die Zeiten der langen Trennung doch so für ihn viel leichter zu ertragen sein. Und morgen schon könnten wir beginnen, ein solches Meisterwerk gemeinsam zu erschaffen. Mit weihevollem Gestus und sonor gestellter Stimme, fragte ich Rudi, ob sie Lust hätte, mein erstes Modell zu sein. Als Lohn winke dann ihr Gratis-Konterfei. Sie schwieg. Das hatten wir noch nie. Ihre Augen wurden übergroß und ihr Profil noch interessanterer. Endlich stammelte sie, dass das eine ganz wunderbarfabelhafte Idee sei, sie sich geehrt fühle und nur allzu gern Muse und Modell in einem wäre. Na bitte, geht doch!

 Am nächsten Tag hatte ich unseren Versuchsballon sorgsam vorbereitet und alles fein ordentlich zurechtgelegt. Silikon, Creme, Gips, Binden, Tücher, Gerätschaft, Handschuhe und Schürze. Tadellos! In meiner Keramikwerkstatt sah es aus wie in der Unfallchirurgie. Als Rudi mit Rudi erschien, war sie ziemlich aufgeregt und darauf bedacht, ja nichts falsch zu machen. Das Einzige, was sie tun musste, war radikal zu schweigen und in Ruhe zu verharren. Ob sie das wohl schaffen würde? Meine Probandin nahm vorsichtig Platz, lag nun halbschräg und eisern schweigend vor mir. Das Gesäß ruhte auf dem alten wurmstichigen Holzhocker, der Kopf nach hinten gelehnt auf dem Tisch. Zuerst raffte ich mit einem Gummiband ihre Haare, dann verteilte ich sorgsam auf dem starren Antlitz fette Creme. Und schon verschwand das unsichere Rudi-Lächeln unter klebriger Silikon-Pampe. Beide Rudis lagen regungslos. Als Nächstes trug ich flott eine weitere dicke Silikonschicht auf und wartete, bis die Masse leicht erstarrte. Sacht schob ich meinem Modell ein Plastikröhrchen in jedes Nasenloch, damit es seine Lungen auch während der Prozedur anständig belüften konnte. Ihr Atmen klang nun ein bisschen flötig, aber Rudi eins und zwei lagen überaus entspannt. Nun konnte die nächste Beschichtung kommen. Das wiederholte sich mehrfach, bis von Rudis gepriesenem Profil nichts mehr zu sehen war. Sie atmete ruhig. Der kurzbeinige Mischlingsrüde atmete unruhig, hatte den Kopf auf seine zierlichen Pfötchen gelegt und schaute unsicher-scheu zu seinem Frauchen, das sich in einem unheimlichen Verwandlungsprozess befand. Weil ihre Kleidung keinen Schaden nehmen sollte, hatte ich mein Opfer in einen Kokon aus verschlissenen Tüchern, alten Bettlaken und meiner fleckigen Bockschürze eingehüllt. Sie lag da, wie eine verpuppte Schmetterlingsraupe im Winterschlaf. Höchste Zeit, den Modellgips anzurühren. Die wabbelige Silikonmaske brauchte Stabilität, wenn sie später als Hohlform dienen sollte.

 Weil ich so echauffiert herumhantierte, entglitt mir die Gipsbrei-Ladung, schwappte auf den Tisch und ergoss sich über die dort abgelegten, mittellangen Rudi-Haare. Oh je, verdammt! Jetzt durfte ich nicht zimperlich sein, sonst stand der krönende Erfolg des Projektes womöglich auf dem Spiel. Ich sagte kein Wort und fuhr in meinem Tun so eifrig fort, wie der Alchimist beim Golderfinden. Aufs Neue rührte ich eine gehörige Portion Gips mit Wasser an und verteilte sie auf den schweigenden Silikonhuckel. Das ging meisterlich von der Hand und ohne weitere Zwischenfälle. Nun musste ich bloß noch ein bisschen warten, bis sich der Pamps verfestigt hatte. Derweil begab ich mich kurz ins Nachbarzimmer, um weitern Materialnachschub zu holen. Ich gab Bescheid und streichelte im Vorbeigehen zur Beruhigung und Ermutigung gütig Rudis Hand. Zustimmend ruckelte die Mumie. Sitzt, wackelt und hat Luft, scherzte ich. Von wegen! Als ich mein Zeug gerade beieinander hatte, vernahm ich ein mächtiges Rumoren. Der Hund kläffte hysterisch, fast übertönte er das Donnern, Rumpeln und Poltern von nebenan. Ich ließ alles stehen und liegen und stürzte ins Versuchslabor. Dort bot sich mir ein burleskes Bild: Wie wahnsinnig strampelte Rudi mit den Beinen und die Arme wollten sich aus der Zwangsjacke befreien. Der Vierbeiner belferte im allerhöchsten Diskant und versuchte in die häckselnden Beine seiner geliebten Herrin zu beißen. Ich verstand den Aufruhr nicht und sah das Endergebnis in Gefahr. Bis ich begriff, dass die Eingepackte dem Erstickungstode nahe war. Wahrscheinlich wegen meiner Abwesenheit in Unruhe geraten, hatte sie sich bewegt und dadurch war in ihre Nasen-Atmungsrohre etwas vom teigigen Gips geraten. Der wiederum hat die Eigenschaft, sich beim Härten auszudehnen und nun war es vorbei mit lebensspendender Luftzufuhr. Ich riss sofort die Röhrchen aus der Verankerung und im selben Augenblicke sog Rudi derart Atemluft, dass es ein Geräusch gab, als zöge der Saugbagger am Grunde der Baugrube Nebenluft. Das Musterbild hatte aufgehört zu Strampeln, das Hündchen mit Kläffen. Rudi schnaufte schweigend unter ihrer weißen Maske, bebte und kam nicht frei, denn ihre Haarpracht war vom verschütteten Gipsbrei wie angeschraubt am Tische. Haare, Holz und Mörtel waren längst eine unlösbare Verbindung eingegangen. Ich griff zum Hammer und zertrümmerte mit einem gezielten Hieb die zu Stein gewordene Halterung. Die Gefangene schnellte nach oben, riss sich den Lumpenpanzer vom Leib und vom Gesicht die Maske. Die schleuderte sie in eine Ecke, in der sie krachend zerbrach und liegen blieb. Noch immer sagte Rudi kein Wort, stand nur regungslos vor mir und starrte mich mit hochrotem Hochglanzgesicht entgeistert an. Bloß die unzähligen Gipsklumpen in ihren Haaren wackelten vergnügt hin und her, als wollten sie ihre Trägerin verhöhnen. Kurz zuckte Rudi wie das wiedererweckte Dornröschen, dann holte sie aus und haute mir eine runter, dass es schepperte, klemmte sich ihren Liebling unter den Arm und stürmte schnurstracks nach draußen. Die Ohrfeige war kräftig gesetzt und sehr berechtigt! Erst auf der wackeligen Holztreppe vor der Tür fand sie die Sprache wieder. Beim Hinabklettern hörte ich sie fluchen und im Frauchen-zu-Hund-Gespräch war sogar von Polizei die Rede.

 Schon am übernächsten Morgen saßen die beiden Rudis wieder bei mir im Keramik-Büdchen, aufgeräumt und wohlgelaunt. Dennoch habe ich von weiteren Versuchen dieser Art Abstand genommen und mein Studio für immer zugeschlossen. Aber bange war mir deshalb noch lange nicht, schließlich stand jetzt die Welt mit allen Möglichkeiten und den vielen Türen offen. Das Leben war doch nun so schön bunt geworden und ich hatte doch immer so schöne bunte Einfälle. Die allerdings schienen gerade verhindert zu sein, denn sie fehlten ganz und gar.

Weiß blüht Mohn in der Dämmerung

Weiß blüht Mohn in der Dämmerung

Beate Vitt

Wenn du heulst, geh ich weg


Wilder Thymian duftete und die Grillen hatten ihr Lied vom Sommer noch nicht beendet. Auf den Beinen waren die Kratzer und Schnitte von Disteln und Grashalmen nicht zu spüren. Dieses Mal nahm ich meinen Bruder mit zu dem geheimen Ort. Die Freunde hatten keine Zeit, sie waren erwischt worden von den Eltern oder brüteten in der Nachmittagshitze über den Hausaufgaben. Der Abhang über den Bahngleisen ist gefährlich, aber Axel war neun Jahre alt geworden und ich war elf, ich konnte schon lange auf ihn aufpassen. Manchmal hatte ich mich gefragt, wie die Eltern ihn lieben können. Er hatte Sommersprossen und Beine so krumm wie Bananen, manchmal weinte er. Meine Beine waren gerade, ich hatte keine Sommersprossen und weinte nicht oft, aber mich liebten sie nicht so sehr wie ihn. Jetzt ging es schon besser mit Axel, er war größer und auch frecher geworden, ich konnte mit ihm spielen und manchmal vergessen, dass er nur mein Bruder war. Deshalb zeigte ich ihm den geheimen Ort, von dem die Erwachsenen nur ansatzweise etwas wussten. Noch niemand hatte einen Abstieg von diesem Felsvorsprung überlebt, der hoch über der Stadt ragte und wegen seines markanten Vorsprungs „Die Nase“ genannt wurde. Ich hatte nie den Wunsch gehabt, hinunterzuklettern, denn hier oben war es schön.
Stundenlang konnte ich hier sitzen und dabei die Züge unter mir beobachten und die Schornsteine der Papierfabrik in der Ferne. Manchmal hielt ein Zug an, weil auf den Gleisen rangiert wurde, und dann zogen wir uns etwas zurück. Die Lokführer stiegen aus und drohten uns, wir sollten da weg. Aber sie konnten uns nichts tun, sie kamen nicht herauf. Nur einmal war einer freundlich, der stand dort unten und rief, es sei lebensgefährlich, weil wir zwanzig Meter tief fallen könnten und dann ganz tot wären, so dass wir nicht mehr aufstehen und ein Zug uns überrollen könnte. Dann würden die Eltern weinen. Aber der wusste nicht, wie sicher ich hier oben saß auf der Nase im Fels, manchmal mit einem Buch und oft einfach nur so und er wusste auch nicht, dass die Eltern nicht weinen würden, nicht wegen so etwas.
Eidechsen bewegten sich nicht, erst als ich meine Hand nach ihnen ausstreckte.
Axel gefiel es auch hier, aber nach einer Weile rutschte er ganz nah an die Kante des Felsvorsprungs heran. „Ist gar nicht so tief“, stellte er fest. „Da kann man hinunterspringen, es gibt einen Weg.“ „Bleib“, sagte ich, aber Axel hatte schon die Beine über die Felskante geschoben, rückte mit dem Körper nach und ließ los. „Au“, rief er. Ich legte mich auf den Bauch und robbte vorsichtig zur Kante. Die Felsnase war insgesamt etwa fünf Meter tief, darunter begann ein sanfter Abhang bis zum Tal. Aber es gab noch einen Vorsprung, den ich bisher übersehen hatte und der die Felsnase im oberen Drittel zweiteilte. Er war breit genug, um darauf zu stehen, und er führte zu einem weiteren Pfad, der sich den Berg hinunterwand. Axel hielt sich die zerschrammten Knie. „Spring“, sagte er. Eigentlich hatte ich keine Lust dazu, aber Axel konnte nicht wieder herauf. Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Wenn du heulst, gehe ich weg“, drohte ich. „Komm“, sagte er, „es gibt einen Weg hier.“ Sollte ich? Ohne ihn konnte ich nicht nach Hause gehen. Und dort unten war noch nie jemand gewesen, wir wären als Erste die Entdecker in einem Abenteuer. Mit geschlossenen Augen ließ ich mich hinab. Der Schmerz war größer als erwartet, weil ich mir die Handkante an dem scharfen Fels aufschürfte. Der Pfad war ganz zugewachsen an manchen Stellen. Es ging durch Schlehengestrüpp und dicht an wilden Rosen entlang, deren Stacheln nicht so spitz waren, die sich aber wie mit Widerhaken fest in die Kleidung und auch in die Haare und die Haut bohrten. Damit nicht alles noch schlimmer aufriss, musste man stehen bleiben und sie herausdrehen. Der gelbe Ginster leuchtete warm und bot beim Klettern Halt. „Verhungern werden wir nicht“, sagte Axel. Er hatte einen wilden Apfelbaum entdeckt, doch die Früchte waren klein und hart. Hinter einer Biegung stieg der Pfad etwas an. Wir standen vor einem Loch in der Felswand. „Eine Höhle“, rief ich begeistert. „Wie im Märchen vom bösen Zwerg, der Schneeweißchen und Rosenrot so übel beschimpft hat.“ „Du träumst wohl“, sagte Axel, „das ist eher die Höhle von Tom Sawyer.“ Oder die von Sindbad oder Ali Baba, dachte ich, doch das lag noch weiter zurück in unserer Abends-Vorlese-Welt. „Am Anfang musst du immer kriechen, erst später wird die Höhle hoch und weit und ist von einem geheimnisvollen Licht erfüllt“, sagte er, dann war er zur Hälfte darin verschwunden. Auf allen vieren folgte ich ihm. Der Weg gabelte sich, eine dunkle Öffnung zeigte nach links und wir duckten uns durch den schmalen Gang, obwohl mir der rechte Teil größer schien. Ich hatte erwartet, die Höhle sei dunkel und warm, aber es wurde sofort kalt und die undurchdringliche Schwärze legte sich eng um den Hals und auf den Brustkorb. Die Luft war anders als draußen. Es war feucht und wir hörten Rieseln wie von Wasser, das die Wand herunterrinnt. „Ich habe Angst“, flüsterte ich. „Du spinnst“, sagte mein Bruder. „Nach der nächsten Biegung ist alles voller Gold und Edelstein.“ Doch er bewegte sich nicht weiter. „Wir müssen zurück“, jammerte ich. Und mir fiel ein, dass unsere Mutter von einem roten Faden erzählt hatte, den man in einer Höhle immer bei sich haben muss, damit man wieder hinausfindet. Und am Ende gab es vielleicht gar keinen Schatz, sondern einen Minotaurus, der die Kinder frisst. „Quatsch“, sagte Axel, „der frisst nur Jungfrauen. Und hör auf zu flennen, du mit deinem roten Faden, das ist typisch Mädchen. Becky hätte nie geheult.“ Ich mochte Becky nicht. Axel bewegte sich wieder vorwärts, als es plötzlich begann, Steine zu prasseln. „Wir werden zugeschüttet“, schrie ich, „los raus hier!“ Er trat mir ins Gesicht, so schnell wie möglich robbten wir rückwärts, rissen uns die Kleidung auf an den scharfen Steinen und die Haut, stießen mit dem Kopf an die Decke, ohne einen Schmerz zu fühlen. Dann waren wir draußen, ich zuerst, und packte seine Fußknöchel und zog ihn ganz heraus. Da stürzte auch schon das Geröll ein, Steine prasselten und kullerten. Der linke Höhleneingang war verschüttet, wir wären nicht mehr hinausgekommen. Es staubte um uns herum und in Axels Gesicht gab es keine Sommersprossen mehr, nur gelbe Schmiere von Lehm. „Wie du aussiehst“, ich versuchte, nicht zu lachen, aber es gelang nicht. „Meinst du, du siehst besser aus“, gab er zurück. Da lachten wir los, kugelten uns, hielten uns den Bauch und prusteten beim Anblick des anderen. Wir waren so erleichtert und wollten keine Schätze der Welt, nicht hier und nicht heute, auch später nicht, niemals. Nichts ist besser als das Leben und die Sonne, der Sommer und ein Bruder, mit dem man lachen kann, eine Schwester, die einen herauszieht.
Abends im Bett war ich noch ganz erfüllt von unserem Glück, in Logik war ich damals unschlagbar. Wochen später, wir wohnten schon nicht mehr in der Stadt, da lasen uns die Eltern die Zeitungsmeldung vor: „Spielende Kinder in Höhle tödlich verunglückt.“ Die Kinder waren irgendwelche Kinder, nicht unsere Freunde, wir hatten sie nicht einmal gekannt. Aber es war unsere Höhle und ein vages Gefühl von Schuld nagte an mir und machte uns verlegen. Als wenn wir diese fremden Kinder zu Nachfolgern verführt hätten, als wenn wir sie durch unser Spiel überredet und verleitet hätten. Sie waren noch jünger als Axel gewesen, ich als Ältere fühlte mich verantwortlich und war es auch auf eine Art. Erst die Zeit vergab, aber die Erinnerung an die Kindheit wurde nie ganz frei von dem Schatten, auch nach Jahren nicht. Aber ich konnte verdrängen.

   
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