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verlagsheft2019

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Herbstfarben (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-39-2)

Zugriffe: 1923 | Wertung:

Lebensstoffe werden Lesestoffe

Es ist wieder Herbst, wenn der Pelikan e.V. nach Wernigerode einlädt. Dreißig Literaturfreunde kamen zum Herbstworkshop unter der Leitung von Dorothea Iser und Peter Hoffmann. Texte der Teilnehmer wurden vorgestellt und besprochen. Dorothea Iser beschrieb den Prozess wirklicher Auseinandersetzung mit sich selbst als Öffnen neuer Räume. Türen öffnen sich, die Möglichkeiten enthalten, von denen man vorher nichts ahnte. Die Kunst, wahrhaftige Texte zu schreiben, besteht nicht darin, vom Leben abzuschreiben. Es ist eher eine Inspiration. Das Öffnen einer neuen Tür als Chance zu begreifen. Was erzählt wird, muss nicht so passiert, aber es muss wahrhaftig sein.

Textauszug:

Annette Kühlmann

Zug um Zug

Sonntagnachmittag im Oktober. Die Eltern genießen die letzten Sonnenstrahlen des Altweibersommers auf der Terrasse und lesen. Die Kinder haben sich in ihr Baumhaus zurückgezogen und spielen Schach.
„Du kannst den König nicht dorthin setzen!“ Die zwölfjährige Lisa setzt Renes schwarzen König zurück.
„Warum denn nicht?“ Ungläubig schaut ihr kleiner Bruder auf das Schachbrett.
Lisa verdreht die Augen. „Weil hier meine Dame steht. Das habe ich dir schon sooo oft gesagt.“
„Na und? Die steht doch ganz woanders.“
„Ja, aber die bedroht das Feld. Kuck hier!“ Lisa zieht mit dem Zeigefinger eine unsichtbare Diagonale zwischen der Dame und dem Feld, auf das Rene seinen König setzen wollte.
„Wenn du da drauf gehst, könnte die Dame doch deinen König schlagen. Aber das ist verboten.“
„Ach man.“ Rene atmet hörbar ein und setzt den Springer.
Dann setzt Lisa ihre Dame auf das Feld. „Schach!“
Rene protestiert: „Deine Dame darf dort nicht hin!“
„Doch!“
„Nein! Mein König bedroht das Feld!“
„Quatsch! Das ist doch was ganz anderes. Die Dame darf das.“
„Und der König wohl nicht? Ist der nicht viel mächtiger als die Dame?“
„Klar. So mächtig, dass du verloren hast, wenn er nicht mehr da ist.“
„Aber das ist unfair!“
„Wieso denn das?“
„Weil die Dame mehr darf als der König.“
„Aber…“ Lisa weiß nicht, was sie sagen soll. „Das sind doch die Regeln.“
„Dann sind es eben blöde Regeln.“
„Schach!“ Lisa will weiterspielen.
„Ich hab keine Lust mehr.“ Rene springt auf und klettert vom Baumhaus herunter.
Lisa ruft ihm durch die Fensterluke hinterher. „Du bist doof. Du wolltest doch Schach lernen!“
Rene winkt ab und läuft über den Rasen ins Haus.

Beim Abendbrot fragt der Vater, ob Rene die Schachregeln verstanden hat.
„Ja“, sagt Rene und stochert mit der Gabel in den Nudeln herum.
„Nein, hast du nicht“, widerspricht Lisa energisch und beschwert sich beim Vater.
„Er will einfach nicht kapieren, dass der König nicht auf ein bedrohtes Feld darf.“
„Doch, hab ich wohl. Aber ich finde das doof und ungerecht. So will ich nicht spielen.“
Rene verschränkt die Arme und zieht einen Schmollmund.
„Iss weiter“, mahnt die Mutter. „Das Essen wird kalt.“
„Mir egal. Ich streike. Jawoll! Ich mache einen Hungerstreik! Solange bis einer mit mir ohne diese doofen Regeln spielt.“ Rene presst die Lippen zusammen und schaut erst die Mutter, dann den Vater herausfordernd an.
Der Vater zieht die Augenbrauen hoch. „Da musst du dich an jemanden anders wenden. Wir haben die Regeln nicht gemacht.“
„Aber ihr macht mit!“
„Ja klar, weil so nun mal die Regeln sind.“
„Aber wenn euch die Regeln nicht passen, haltet ihr sie auch nicht.“
„Natürlich machen wir das. Wenn sie uns nicht gefallen, heißt es ja noch lange nicht, dass sie nicht sinnvoll wären. Das wirst du noch merken.“
„Aber die Schuhe ziehst du auch nur aus, wenn Mama da ist. Wenn nicht, gehst du einfach mit deinen Drecklatschen ins Haus. Obwohl die Regel ist: Nicht mit Schuhen ins Haus. Steht in unserer Hausordnung. Punkt 15.“
Der Vater: „Das ist doch etwas ganz anderes.“
„Nein, ist es nicht! Das ist so, als wenn du auf ein bedrohtest Feld gehst. Du kannst froh sein, dass Mama dich trotzdem weiter spielen lässt.“
Die Mutter: „Moment mal. Wir sind hier nicht beim Schach. Papa ist kein König und ich nicht die Königin. Und außerdem, wenn Papa das Maß überschreitet, werde ich mich wehren.“
Der Vater blickt zur Mutter: „Wie meinst du das?“
„Na, wenn du die Regeln heimlich brichst, tut mir das weh. Dann kommst du an meine Grenzen. Und wenn das zu oft ist, muss ich mir vielleicht doch einen anderen Spielpartner suchen.“
Rene grinst: „Aber dem musst du vorher ganz genau die Regeln sagen und wie viel Patzer er sich leisten darf.“
„Ja“, fügt Lisa hinzu. „Und dann zählst du. Mit dreckigen Schuhen ins Haus: Ein Punkt.“
„Auto mit fast leerem Tank in die Garage gefahren. Noch ein Punkt.“ ergänzt Rene.
„Zu viel geschimpft, noch ein Punkt.“
„Mit Mama gestritten auch.“
Der Vater schaut die Mutter an: „Und? Wie viele Punkte darf ich mir noch leisten?“
Die Mutter legt ihre Hand auf seine und schaut ihn an: „Gar keinen. Du hast dein Budget schon lange verbraucht. Aber dann bist du wieder so lieb zu mir, da vergesse ich alle Punkte und fange noch einmal bei Null an.“

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