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verlagsheft2019

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Mitten im Herbst (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-31-6)

Zugriffe: 1522 | Wertung:

Begegnungen in Wernigerode

Es ist Herbst, wenn der Pelikan e.V. Schreibende nach Wernigerode einlädt. Sie kommen aus ihren Schreibrunden, bringen eigene Texte mit, lesen sie vor, stellen sich den Fragen und setzen sich damit auseinander. Ein Prozess beginnt, der alle Teilnehmer einbezieht. Schreiben wird als eine Form der Verdichtung erlebt. Das bedeutet sparsam zu erzählen, bei allem sprachlich genau und wahrhaftig zu sein. Unter den Schreibenden sind gestandene Autoren, Laien und Menschen, die mit Behinderungen leben müssen. Sie haben einen besonderen Blick auf die Wirklichkeit. Man könnte denken, die Teilnehmenden passen nicht zueinander.
Aber gerade im Miteinander öffnen sich oftmals völlig neue Sichtweisen.
In der Schreibwerkstatt erfahren Behinderte eine soziale Anerkennung, die den meisten sonst in ihrem Alltag, auch in den geschützten Werkstätten, versagt bleibt.
Durch die Freude an Farbe, Form und Formulierung werden Fantasien freigesetzt und aufgeschrieben.
Spontanen Einfällen wird Raum gegeben und literarische Ansätze werden durch die Mentoren behutsam freigelegt und weiterentwickelt.

Teilnehmer, die aufgrund ihrer intellektuellen Einschränkungen nicht schreiben können, setzten in diesem Jahr das Thema „Herbstseiten“ malerisch oder zeichnerisch um.
Für alle wird spürbar, worauf es im Leben ankommt. Jeder wird so, wie er ist, akzeptiert. Das ist der Stoff für literarisches Arbeiten.

Dorothea Iser

 Textauszug:

 Ingrid Gäde

 Ulrich

Ich war richtig aufgeregt, richtig neugierig. Zum ersten sollte eine Gruppe Behinderte an unserem jährlichen Workshop teilnehmen. Wie sollte das gehen: malen, tanzen, schauspielern, schreiben?

Der Barkas fuhr auf den Hof. Junge Leute sprangen raus. Rollstühle und Rollatoren wurden auf das Pflaster gestellt. Man half sich gegenseitig. Wir fassten zu. Es wurde gelacht und gedrückt. Dabei kannten wir uns gar nicht. Nur diese wenigen Minuten des Ankommens.
Ein junger Mann stand, starrte auf den Boden. Ellen, die Leiterin der Gruppe, fasste seinen Arm. „Komm Ulrich.“ Ulrich öffnete ein wenig seine Augen. Schloss sie wieder fast ganz, als hätten sie genug gesehen.
Wir trugen das Gepäck, brachten unsere Gäste in ihre Zimmer.

Zum Mittagessen trafen wir uns wieder. Ulrich saß mir schräg gegenüber. Seine Augen waren wieder halb geschlossen, der Kopf war gesenkt. Eine junge Frau, sie rutschte mit dem einen Bein immer weg, tippte Ulrich auf die Schulter: „Komm.“ Sie fasste ihn erst an die Hand. Das Essen legte er allein auf den Teller. Nach dem ersten Bissen kam ein Lächeln in sein Gesicht.

Am Nachmittag trafen sich die Gruppen. Ulrich war bei den Schreibenden, wie ich. Jeder stellte sich kurz vor. Ellen nannte nur den Vornamen. Paul stotterte los. Er zuckte immer mit seinem Kopf. Er sprach nur ruckweise, stotterte. Ellen sagte nur noch, „Paul ist sehr aufgeregt. Er ist Spastiker, seit er ein kleines Kind war.“ Helga sprach für sich allein, sie saß im Rollstuhl, lächelte uns alle an. „Ich bin so glücklich“, sagte sie am Ende ihrer Vorstellung. Ellen nannte Rita. Die stand auf, drehte ihren Kopf wie eine kleine Elster. „Bin schon dreimal Tante, dreimal. Schreibe mir ein Buch. Bin nämlich schlau, sagt Ellen immer zu mir.“
Zum Schluss nannte sie Ulrich. Der zuckte leicht zusammen, stand dann auf. Er wollte was sagen. Er kam über die ersten zwei Worte nicht hinaus. „Ich bin…“ Ellen erklärte uns: „Ulrich ist sehr menschenscheu. Eine neue Umgebung erdrückt ihn fast. Er muss erst Vertrauen haben. Er ist unser bester Schreiber.“ Ulrich bekam einen roten Kopf, setzte sich.

Das Thema war: „Woran erinnerst du dich am liebsten?“ Einige schrieben sofort los. Andere guckten sich immer wieder im Raum um, als ob sie da ihre Geschichte fänden. Ich hätte über ganz viele Dinge schreiben können. Ich schrieb als Überschrift „Waltraud“, dachte an eine Schülerin aus meiner ersten Klasse. Sie schaute immer nach unten und sprach kein Wort mit den Klassenkameraden und auch nicht mit mir. Nach drei Monaten Schulzeit machten wir einen Wanderausflug. Die Sonne schien, meine Schüler lachten, schnatterten, überholten sich gegenseitig, schubsten sich in das Gras, schlugen Purzelbäume. Während der Mittagspause saß Waltraud neben mir. Da flog ein Schmetterling, ein Pfauenauge, auf meine Hand. Er hob und senkte seine Flügel, als ob er starten wollte. Waltraud rutschte noch näher zu mir. Ich nahm ihre Hand, setzte das Pfauenauge ganz vorsichtig darauf. Waltraud lächelte zuerst nur mit den Augen, dann verzog sich der Mund, dann lachte sie richtig. Der Schmetterling wippte mit den Flügeln, flog weg. Waltraud sah mich an: „Du bist so lieb.“ Sie nahm meine Hand, führte sie über ihr Gesicht. Was hatte das Mädchen für wunderbare blaue Augen.

Ulrich schrieb und schrieb. Ellen betreute ihre Schützlinge. Ich verstand nicht, was sie zu Paul sagte. Er sagte nur: „M… Mu… Mutter.“ Helga hatte ein Brett über ihrem Rollstuhl, so schrieb sie. Sie schwitzte richtig. Ellen schob sie leicht hin und her. „Ruh dich ein bisschen aus.“ Helga legte ihren Kopf zurück, schloss die Augen. Bei Rita fragte Ellen: „Was soll ich aufschreiben:“ Rita diktierte: „Bin im betreuten Wohnen. Habe Marik, meinen Freund. Liebe ihn. Er drückt mich schön.“ Sie lachte auf.

Ulrich schrieb und schrieb. Dann las jeder vor, was er zu Papier gebracht hatte. Ulrich hob nur ein wenig seinen Kopf: „Ich war erst sechs Jahre, als ich die schlimmen Ohrenschmerzen bekam. Er erzählte, wie schmerzhaft die Operationen waren. Und wie die Kinder ihn oft auslachten, weil er nicht alles verstand. Da er auf einem Ohr taub war, das andere Ohr nur noch 20% Hörkraft hatte, kam er in eine Schule für Hörgeschädigte. „Das war mein größtes Glück. Ich war der Klügste in meiner Klasse.“ Ulrich atmete tief durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Als wir klatschten, schaute er kurz in die Runde. Dann waren die Augen wieder nach unten gerichtet.

Jedes Jahr freute ich mich auf die drei Tage Workshop. Jedes Jahr freute ich mich auf die Ankunft des kleinen Busses mit den Teilnehmern aus Salzgitter.

Ulrich war jedes Mal dabei. In der Schreibrunde war ich neugierig, was Ulrich vorlesen würde. Inzwischen hob Ulrich schon beim Schreiben ab und zu seinen Kopf. Wenn sich unsere Blicke trafen, lächelten wir uns an. Als ich meine Geschichte „Nirgendwo“ vorlas, nickte Ulrich mehrmals mit dem Kopf: „Das kenne ich, ja, diese schwarzen Löcher kenne ich.“ Er lachte mir zu. Und ich sah zum ersten Mal, was für schöne braune Augen er hatte.

Neben der großen Villa, die wir bewohnten, stand eine kleine Kirche. Und weil ich Kirchen liebte, sie sind die ältesten Kunstwerke, die uns über Jahrhunderte erhalten blieben, ging ich in diese Kirche. Ich hatte erfahren, dass hier Pastor Bonhoeffer, ein Theologe der Bekennenden Kirche, gepredigt hatte. Ich wusste noch, dass er 1945 im KZ „Flossenbürg“ ermordet wurde.
Die Augen gewöhnten sich schnell an das Halbdunkel. Was mir auffiel, das große Altarbild. Ob Bonhoeffer auch das Bild so gesehen hatte wie ich? Menschen waren zu sehen, keine Heiligen.

Ich genoss die Stille und ich setzte mich hinten auf die letzte Bank.

Ich saß in mich versunken, da öffnete sich die Kirchentür. Es war Ulrich, der langsam, fast tastend, zu dem großen Gemälde ging. Dann drehte er sich um. Er vergewisserte sich, dann stieg er die kleine Treppe zur Kanzel hinauf. Er stand, hatte das Gesicht erhoben, schaute in den Kirchensaal. Laut und deutlich sprach er: „Liebe Gemeinde.“ Ich saß starr, traute mich kam zu atmen. „Ich begrüße Sie zur heutigen Andacht. Es ist für mich ein besonderer Tag. Ich habe…“ Ich hörte Ulrich zu, einem Ulrich, der klar und deutlich sprach, in die leere Kirche blickte, sogar den Kopf hin und her bewegte. Er sprach über Luther und das Evangelium. Fast 10 Minuten predigte er.

Ich rührte mich nicht, holte nicht einmal tief Luft. Ulrich verbeugte sich. Stieg die Kanzel hinunter.

Ich stand erst auf, als Ulrich die Kirchentür wieder schloss.

Ich sprach mit keinem darüber, hatte mir aber fest vorgenommen, es beim nächsten Workshop zu tun.

Erst vor zwei Jahren traf ich Ulrich wieder. Er kam freundlich lächelnd auf mich zu: „Ich freue mich, dass du mich immer noch kennst.“

Für dieses Jahr in Wernigerode hatte ich Ulrichs Geschichte geschrieben. Leider war ich wieder krank. Aber Ulrichs Geschichte sollten alle erfahren.

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