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verlagsheft2017

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Saitensprung - Domino-Erzählungen.

Saitensprung

In der nächsten Stunde hat Lissy einen Traum. Dabei schläft sie nicht. Ihre Augen sind weit geöffnet. Sie hört die Stimme von Frau Kühnesüß. „Its a hard day today!“
Lissy stimmt zu. Nur in ihrem Traum ist der Tag nicht hart. Er ist weich, gezuckert, zuckersüß. Frau Kühnesüß lächelt ihr kühn zu. Ihre Lippen sind Rosenblätter. Das „today“ aus ihrem Mund formt sie zu einem Herzen. Es schlägt, schlägt, schlägt … Und immer meint es nur den einen Namen. Flo-ri-an! Er ist echt süß, wenn es sie ansieht. Er kann gucken wie Taylor Lautner. Der wurde zu den hundert schönsten Menschen der Welt gewählt. An dem käme sie auch nicht ohne Herzrasen vorbei.
Tanja drückt Lissy warnend den Ellenbogen in die Rippen. Frau Kühnesüß nähert sich ihnen.
Wieso ist er abgehauen?, fragt Lissy.
Für Tanja ist völlig klar, wen die Freundin vermisst. Aber sie hat keine Ahnung. Florian hat in der Pause den Abflug gemacht.
Tanja schlägt ihren Hefter auf. Frau Kühnesüß fragt Sätze ab.
Ich wollte ihn heute fragen, sagt Lissy.
Tanja nickt dazu. Lissy tut ihr leid. Dann meldet sie sich, um die Lehrerin von Lissy abzulenken.
Längst schwebt Lissy über der Englischstunde. Its a hard day? Where are you? I will never be happy again!
Lissy sieht auf die Klasse herab. Wie sie alle dasitzen und tun, als würden sie mitarbeiten. Die meisten kennen die Tricks.
Frau Kühnesüß lächelt. Sie ist schon viel zu lange Lehrerin, um auf Schülertricks hereinzufallen. Manchmal ist sie einfach nur müde. Dabei hat sie viel mehr Zeit als andere Lehrer, weil sie sich nach dem Unterricht noch oft mit ihren Schülern unterhält. Auf sie wartet zu Hause keiner. Ihr einziger Sohn ist behindert und lebt im Heim. Da hat er Pflege, die er braucht. Liebe bekommt er von ihr. Er macht sie glücklich. Das hat sie vor der Klasse erklärt. Da ging es um das Leben von Behinderten. Weil es einen Vorfall mit einem Spasti gab. Die Jungs wollten ihm nichts tun. Nur Angst einjagen und über ihn lachen. Sie waren still, als die Kühnesüß von ihrem Sohn erzählte. Er braucht meine Liebe und spürt, ich bin da. Wenn ich gehe, weiß er, ich komme zurück. An freien Tagen holt sie ihn zu sich. Lissy hat die beiden schon miteinander gesehen. Der Sohn ist nur so groß wie einer aus dem Kindergarten. Mit einem Opakopf. Der schaukelt hin und her. Ein anderes Kind hat sie nicht. Auch keinen Mann. Das ist doch keine Familie.
Lissy dagegen ist familiensüchtig. Vielleicht, weil ihr der Vater fehlt. Warum holt Mutter den Vater nicht auch mal für ein paar Stunden nach Hause?
Die Mutter will nicht mal, dass Lissy nach ihm fragt. Sie erträgt das nicht, behauptet sie.
Der Idiot hat sich das alles selbst zuzuschreiben, sagt sie höchstens und das bedeutet, Schluss mit dem Thema.
Lissy mag nicht, wenn die Mutter den Vater einen Idioten nennt. Das macht sie neuerdings. Der Vater war stark und fröhlich. Wenn Lissy nicht mehr laufen mochte, hat er sie auf seinen Schultern getragen. Er war Pferd und sie die Reiterin. Da war sie noch klein. Vielleicht könnte sie sich nicht mal daran erinnern, wenn es nicht dieses Foto geben würde. Lissy hat es gerettet. Als klar war, dass er nie wieder nach Hause kommen würde, hatte Mutter alle Fotos und Briefe von ihm verbrannt. Nur das eine wurde übersehen. Lissy suchte lange nach einem sichern Versteck dafür. Nichts schien ihr sicher genug. Der Mutter misstraut sie. Die durchkramt alle Fächer, wenn ihre Tochter nicht da ist. Darum hebt Tanja das Foto für sie auf.
Frau Kühnesüß hatte Lissy erst vor kurzem nach ihrem Vater gefragt.
Lissy wollte nicht sagen, dass sie nichts von ihm weiß. Darum log sie Frau Kühnesüß etwas vor. Sie tat, als besuche sie ihren Vater regelmäßig. Dass sie mit ihm telefoniert, hätte Frau Kühnesüß nicht geglaubt. Ihr Vater konnte nicht mehr sprechen. Wenn er was sagen will, bringt er nur ein paar Laute vor. Sein Gesicht zuckt dabei. Speichel tropft aus seinem Mund. Das hat Ronny der Mutter erzählt. Er besucht den Vater. Aber Mutter will davon gar nichts wissen.
Frau Kühnesüß sagte, das ist aber schön von dir, dass du ihn besuchst, da wird er sich freuen. Er war mal mein Schüler. Weißt du das eigentlich?
Er erkennt mich nicht, sagte Lissy. Sie glaubte schon selbst, was sie der Lehrerin erzählte.
Er war ein Schüler, den man so schnell nicht vergisst. Jammerschade, was ihm passiert ist.
Lissy wurde unwohl bei diesen Worten. Dein Vater ist immer dein Vater, tröstete Frau Kühnesüß Lissy, als würde sie merken, dass Lissy nicht gern nach ihm befragt werden will. Ganz gleich, was andere über ihn sagen, setzte sie noch hinzu.
Lissy bekam einen Schreck. Was wusste Frau Kühnesüß denn von ihrem Vater? Wieso erzählte sie ihr von ihm? Frau Kühnesüß sah Lissy manchmal merkwürdig an. Lissy will es nicht bemerken. Das schöne Leben mit ihrem Vater ist vorbei.
Sie denkt an den neuen Freund der Mutter. Er war mit offenen Armen auf Lissy zugestürmt. Bevor er sie an sich ziehen konnte, machte Lissy kehrt.
Väter kann man nicht wechseln wie ein Hemd.
Seit er bei ihnen eingezogen ist, wohnt sie wieder unterm Dachboden. Sie hat sich dort oben eingerichtet. Nistet wie ein Vogel unterm Dach. Sie mochte den Freund nicht, obwohl er ihr die Zimmer einwandfrei hergerichtet hatte. Mutters Bett roch nach ihm. Lissy hielt sich die Nase zu. Die ganze Wohnung stank. In jede Ritze kroch der Ekelgeruch.
Tanja neben ihr kritzelt Herzen auf einen Zettel. Pfeile durchbohren sie.
Tanja hat es besser. Sie wohnt mit ihrer Mutter allein in einem Siedlungshaus.
Zettel raus, Namen drauf, sagt Frau Kühnesüß. Kleine Vokabelkontrolle. Natürlich spricht sie nur Englisch im Unterricht.
Gestöhne bricht aus.
Lissy erschrickt. Sie hat nicht gelernt. Was sie weiß, wird nicht reichen. Wenn sie eine Sechs fängt, gibt es Stress zu Hause.
Unangemeldete Test darf sie uns nicht schreiben lassen, flüstert Tanja.
Frau Kühnesüß hat feine Ohren.
Oh yes, sagt sie, I may do it.
   
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