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verlagsheft2017

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Mich hat der Esel im Galopp verloren

Mich hat der Esel im Galopp verloren

Sofort nicht mehr Hamel, sondern Burkert
Nach einigen Tagen, als das Manöver mitsamt dem dazugehörigen Geballere über Nacht plötzlich wie ein Spuk zu Ende ist, können einige von uns Machorka rauchen und einige Brocken Russisch lernen. Ich allerdings mache beim ersten Rauchversuch einen eklatanten Fehler. Statt ihn aus der Wange zu pusten, schlucke ich den Qualm hinunter. Die Russen kommen voll auf ihre Kosten. Während ich unter Husten und Brechreiz leide, mir die Augen tränen und nur so die Wangen runterlaufen, schlagen sie sich vor lauter Lachen auf die Schenkel, können sich kaum beruhigen.
Nachdem alles vorbei ist, am letzten Manövertag, sondern sich die Offiziere von den Mannschaften ab. Wie aus dem Nichts sind auf einmal auch die Offiziersfrauen da. Zunächst erst einmal springen alle in den See, um gemeinsam zu baden. Besonders amüsant ist für uns Kinder, wenn die Russen in ihren Unterhosen aus dem Wasser kommen. Dann sieht man alles.
Es gefällt ihnen nicht, wenn wir ihnen zu dicht auf den Pelz rücken. Sie deuten uns, zu ihnen Distanz zu halten. Sehr schnell begreifen wir auch, warum. Alles deutet darauf hin, dass sie die Absicht haben, zu fischen. Und dies allerdings mit Hilfe von Handgranaten. Haben sie alle Badelustigen aus dem dazu vorgesehenen Gebiet vertrieben, schreiten sie schnell zur Tat und schon kracht es. Kaum hat sich die Wasseroberfläche beruhigt, treiben auch schon die ersten Fische mit dem Bauch nach oben. Man kann sie bequem einsammeln. Dazu schicken uns die Russen in den See.
Die Russen räuchern viele Fische in einer Blechtonne. Aus den Resten kochen die Frauen Fischsuppe. Sie lassen uns davon kosten. Es schmeckt uns vorzüglich.
Am Abend müssen wir Kinder nach oben, ab in die Betten, während unten im Speisesaal Tische und Stühle gerückt werden. Bald ist klar, dass die Offiziere mit ihren Frauen und einigen Gästen ihren Manöverball in unserem Heim durchziehen wollen. Zu dieser Zeit ist unserer Heimleiter gerade nicht anwesend. Natürlich bekommen wir den ganzen Trubel mit. Was von der Schlemmerei übrig bleibt, wird dem Heim überlassen. Ihren heißgeliebten Wodka rücken die Russen naturgemäß nicht heraus. Am Morgen nach der Sause machen etliche Offiziere einen Rundgang durch unser Heim, lassen sich alles zeigen. Als sie fort sind, haben unsere Erzieher nichts Eiligeres zu tun, als die Schlemmerreste beiseite zu schaffen und sich daran gütlich tun. Das sehen wir als einen unverzeihlichen Fehler. Schließlich haben wir uns berechtigte Hoffnungen auf dieses Speiseangebot der besonderen Art gemacht. Nur von unserem Aufsichtspersonal übrig gelassene Reste wollen wir auch nicht.
Niemand kann im Nachhinein sagen, was Auslöser für das ist, was an diesem Abend geschieht. Behauptet wird jedenfalls, dass einer der Erzieher die Schnapsidee hatte, unbedingt unsere Schlafräume zu inspizieren. Das hätte er lieber nicht versuchen sollen, denn bei uns kocht die Volksseele hoch, kocht über durch sein Erscheinen.
Da dieser Unglücksrabe von Erzieher schon beim Hinaufsteigen auf den ersten Treppenstufen den eklatanten Fehler macht, durch unflätige Laute auf sich aufmerksam zu machen, wird er höchst erbost von uns zur Zielscheibe auserkoren. Und was dann auf ihn einprasselt, sind wahrlich keine Liebesgaben. Blumengrüße gleich mit dazugehörigen Töpfen daran, Bilder samt Rahmen, Bretter unserer Betten und Strohsäcke, Becher, Gläser und was sonst nicht niet- und nagelfest ist. Dann verbarrikadieren wir uns. Keinem vom Personal gelingt es, dieses Hindernis in dieser Nacht zu stürmen oder zu beseitigen. Wir halten auch am darauf folgenden Tag die Stellung wie eine uneinnehmbare Festung.
Am Abend erscheint unser Heimleiter wieder in Begleitung seiner Frau Mizzi und seiner drei W’s. So nennen wir seine drei Söhne Wolfgang, Werner und Walter. Die chaotische Hinterlassenschaft der vergangenen Nacht ist nicht zu übersehen. Unten in der Vorhalle und am Fuß der Treppe beginnt das Personal mit der Beseitigung des Schlachtfelds. Einige Mädchen fegen die Treppe von oben nach unten, fangen an, das Geländer zu putzen.
Der Heimleiter braucht nicht lange, um Ursachenforschung zu betreiben. Schnell erfasst er das Geschehen während der Tage seiner Abwesenheit.
Ein paar Tage später verkündet er während des Frühstücks, dass demnächst ein Sportfest mit anschließendem Kinderfest stattfindet. Im Park sind wir Jungen bei der Vorbereitung des Sportfestes voll im Stress, während die Mädchen bei der Vorbereitung des Kinderfestes in den Räumen des Heimes ihr Bestes geben. Während der Vorbereitungen bekommen wir unerwarteten Besuch von einigen der russischen Offiziere, die nach dem großen Manöverball in unserem Heim waren.
Im Schlepptau haben sie zwei Laster, die bis unters Verdeck mit Matratzen vollgestopft sind. So heißt es ab jetzt Strohsäcke ade und hinein mit den Matratzen, an die wir uns aber erst noch gewöhnen müssen.
Nebenbei erfahren wir, dass von nun an in jedem Jahr Frühjahrs- und Herbstmanöver stattfinden sollen. Und da sich alles in unserer unmittelbaren Umgebung abspielen soll, haben wir nichts dagegen.
Am dritten August ist mein zwölfter Geburtstag. Das Sportfest ist vorbei und es findet die Siegerehrung statt.
Zwei Herren, die aus diesem Anlass anwesend sind, nehmen mich zur Seite und gratulieren zum Geburtstag und offenbaren mir im selben Atemzug, dass ich ab sofort nicht mehr Rolf Hamel, sondern Rolf Burkert heiße.
Bei diesen Worten drücken sie mir eine Kindervermisstenkarte in die Hand. Ich muss die beiden ziemlich misstrauisch angeschaut haben. Sie beeilen sich jedenfalls, mir zu erklären, dass sie vom Wolmirstedter Jugendamt kämen.
   
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