Warenkorb  

0 Produkte - 0.00 EUR
Zum Warenkorb
   

Termine  

   

Katalog  

verlagsheft2017

Interessante Bücher
aus dem dorise-Verlag
zum downloaden,
ausdrucken
und ansehen
Download
   

Der Fall Nathalie

Der Fall Nathalie

12. Mai. Muttertag.
Nach dem Frühstück begebe ich mich zum Bahnhof, nehme von dort einen Blumenstrauß rot-gelber Rosen mit Schleierkraut und fahre nach Erfurt zu Mutter. Der Tag scheint geeignet, sich auszusprechen, die Wogen zu glätten.
Wolfgang hat eine sehr geschmackvolle Glückwunschkarte mit herzlichen Worten versehen. Beigefügt hat er ein Familienfoto mit drei strahlenden Gesichtern und einem weißen Zusatzblatt, auf dem er mitteilt, dass er bald promovieren könne. Für Melissa habe das letzte Halbjahr dieser unsäglichen Referendarzeit begonnen. Victor gefalle es im Kindergarten. Überhaupt gehe es ihnen sehr gut. Einen neuen Mercedes haben sie sich zugelegt, und in zwei Monaten soll es mit dem Hausbau angehen.
Vater statte ich ebenfalls einen Besuch ab. Bei ihm ist es ungleich schwerer, ihn zu überzeugen. Selbst als ich am späten Nachmittag aufbreche, bleibt eine deutliche Spur Skepsis bei ihm zurück. Trotzdem bin ich erleichtert, den Faden zu ihm wieder gefunden zu haben.
Leider ist auch in meiner derzeitigen Weimarer Wohnung kein Telefonanschluss installiert. Auf meine Nachfrage hin, teilt mir das zuständige Amt mit, dass ein Anschluss weder jetzt noch in Zukunft vorgesehen sei, da es sich bei mir um keine Langzeitvermietung handle. Wenn ich auf einer Fernsprechanbindung bestünde, könnte ich das nur über eine Eigenfinanzierung erreichen.
Marco ist nicht wieder aufgetaucht. Ich weiß nicht, ob ich darüber froh oder doch eher besorgt sein sollte. Mich bei seinen Eltern zu melden, finde ich unpassend.
Bei Rossberg läuft so gut wie gar nichts mehr; der Familienstreit ist offen eskaliert. Selbst im Geschäft kam es zwischen beiden in Anwesenheit von Kunden zu äußerst üblen Streitereien. Birgit wurde vor einer Woche gekündigt. Meine Lohnnachzahlung für letzten Monat steht noch immer aus. Von meinem Leihgeld habe ich trotz wiederholten Nachfragens bislang noch nicht eine Mark gesehen. So kann es nicht weitergehen. Ich weiß, ich muss mir etwas einfallen lassen. Marianne wäre eine Option. Sie bedauert das sehr, sagt sie mir, aber auch sie habe einen festen Personalstand, der eine zusätzliche Stelle nicht verkrafte.
Donnerstagabend. Kekse und ein Glas Apfelsaft auf dem Tisch. Ich habe es mir auf der Couch bequem gemacht und lese „Seedorn“ von Hanns Cibulka. Während des Lesens macht mich eine Stelle nachdenklich: Die Biographie eines Menschen, gleicht sie nicht einem Eisberg? Zwei Drittel des Berges schwimmen unter der Wasseroberfläche, unsichtbar.
Es klingelt.
Marco, abgehetzt, schwer atmend, platzt herein.
Ich muss diese Nacht bei dir bleiben. Frage nicht. Es ist so.
Ich halte mich daran. Da es kurz vor zweiundzwanzig Uhr ist, ziehe ich die Couch zur Doppelbettliege aus. Wütend schmeißt er die Kühlschranktür zu. Nein, Bier habe ich keins.
Morgen früh um fünf Uhr muss ich weg. Sein Auftritt erlaubt kein Nachfragen, das habe ich verstanden.
Mit dem Rücken zu ihm, liege ich hellwach. Die Bettdecke bis unters Kinn gezogen. Das Bild vom Gesicht seines Vaters habe ich vor mir, es will und will nicht verschwinden: Er kann so nett sein und im nächsten Moment … Den „nächsten Moment“ erlebe ich jetzt. Meine rechte Schulter beginnt zu schmerzen. Ich traue mich nicht, die Liegeposition zu verändern, obwohl Marco leise zu schnarchen beginnt.
Tatsächlich! Noch vor Sonnenaufgang steht er auf. Frühstücken will er nicht. Will auch nicht reden. Also lass ich ihn in Ruhe. Immer wieder schaut er auf seine Armbanduhr.
Machs gut, ich melde mich bald.
Dann küsst er mich auf die Wange und verschwindet, verlässt die Wohnung, ohne das Licht angeschaltet zu haben.
Draußen beginnt es zu dämmern.
Von dieser Nacht wird niemand etwas erfahren, das schwöre ich mir.
Schon kommende Woche macht er sein Versprechen – soll ich es so nennen? – wahr. Heute bringt er eine dunkelblaue Adidas-Sporttasche mit. Was ich erahne, bestätigt er: Diesmal werde ich ein paar Tage länger bei dir bleiben. Wird schön werden. Ich mach das Frühstück und wenn du abends kaputt von der Arbeit kommst, ist – wie bei „Tischleindeckdich“ – der Abendbrottisch bereitet.
Mit ist nicht nach Märchen. Die Wahrheit will ich wissen: Was ist los. Weshalb, wovor musst du dich verstecken?
Marco kneift die Augen zu, sieht mich scharf an. Nur einen Moment, dann wird sein Blick wieder sanft und weich, und er gesteht mit verzweifelt klingender Stimme, dass er tatsächlich in Schwierigkeiten stecke. Er habe mit Bekannten Karten gespielt, viel gewonnen, doch der Verlierer habe sich zu zahlen geweigert. Da sei es zwischen ihm und dem Kumpel zu einer Auseinandersetzung, zu einer Schlägerei, gekommen. Die Polizei rückte an. Da musste er natürlich fort, sich in Sicherheit bringen. Egal, wie es gewesen sei, ihm als Knastbruder hätte man doch sowieso nie geglaubt …
Was soll ich machen? Ihm diese Geschichte abnehmen? Ihn fortschicken? Meine „Mission“ beenden?
Er kann bleiben.
Am nächsten Morgen hält er Wort. Er besorgt frische Brötchen, kocht Kaffee. Ich decke den Tisch.
Als ich gegen halb sieben die Wohnung betrete, finde ich einen perfekten Abendbrottisch vor. An solch einen Dauerzustand könnte ich mich gewöhnen. Keine Spur mehr von Übellaunigkeit.
Samstagnachmittag muss er wieder weg. Ganz plötzlich. Seine Tasche lässt er da. Als Pfand und Versicherung, dass er wiederkomme, wie er lächelnd meint, und verschwindet.
Sonntagsabend, gegen einundzwanzig Uhr, ist er wieder da, angetrunken. Er will sich sofort schlafen legen.
Am nächsten Morgen frühstücke ich allein. Marco schläft noch. Zwei, drei Tassen heißen Kaffee gieße ich in die Thermoskanne. Die Samstags-Brötchen kann er sich im Öfchen aufbacken.
Als ich von Rossberg komme, ist er noch da.
Hör zu, sagt er, ich muss wieder ein paar Tage hier zubringen und kann die Wohnung nicht verlassen.
Ich weiß, ich darf nicht nachfragen.
Hier sind fünfzig Mark. Für Essen. Und, setzt er hinzu, für ein paar Bier und eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn.
Wortlos stecke ich das Geld ein. Weiß, dass ich damit mittendrin im Schlamassel hänge.
Marcos Verhalten hält mir vor Augen, dass mich meine naive Blauäugigkeit bislang keinen Schritt weiter gebracht hat. Will ich also etwas bei ihm erreichen, muss ich zuerst sein Vertrauen gewinnen. Denn noch immer bin ich überzeugt von den positiven Seiten, die er gezeigt hat, hoffe, dass sie eines Tages die Oberhand in ihm gewinnen werden. Vorerst aber lebt er bei mir, hält sich versteckt wie eine Ratte. Er verrät auch nicht, wo er sich sonst aufhält. Dass er den Zweitschlüssel meiner Wohnung, ohne mich zu fragen, an sich genommen hat, macht mir Angst. Ein Stück Sicherheit hat er mir genommen.
Die Mitbewohner im Haus kümmern sich nicht darum, wer bei wem zu Gast ist.
So kann Marco kommen und gehen, ohne dass irgendjemand misstrauisch wird.
Und er nutzt diese Gelegenheit. Mal ist er eine Nacht, dann wieder fast eine Woche bei mir. Was mich mehr und mehr beunruhigt, ist seine beginnende Zudringlichkeit, wenn er etwas getrunken hat. Noch vermag ich mich erfolgreich zur Wehr zu setzen.
Ein Zufall kommt mir zu Hilfe. In der Zeitung stoße ich auf eine interessante Annonce: In Weimar-Schlöndorf wird ein Haus samt Gartengrundstück zu einem ungemein günstigen Pachtpreis angeboten. Zwei Zimmer, Küche, Toilette und ein kleiner Abstellraum werden versprochen. Das könnte es sein! Heute, Samstag, fahre ich nach Arbeitsschluss mit dem Fahrrad die rund drei Kilometer zur Besichtigung. Es ist warm, und ich bin bestens gelaunt. Durch die Unterführung rechts am Bahnhof radle ich die Buttelstedter Straße entlang, vorbei an Einfamilienhäusern mit meist liebevoll gepflegten Vorgärten. Gartenkolonien durchbrechen hier und da die Häuserzeilen, werden schließlich abgelöst durch kleinere Wiesen und bestellte Felder. Linker Hand, bevor die Straße in östliche Richtung abbiegt, grenzt ein Mischlaubwäldchen an. Ich habe Weimars Ortsteil erreicht. Nach etwa einem halben Kilometer gelange ich in die Schlöndorfer Straße, die in die Dorfstraße übergeht. Mein Pulsschlag steigt, als gelte es wie Heiligabend, die Geschenke auszupacken. An der Nummer 41 steige ich langsam vom Rad.
Das äußere Bild ist, gelinde gesagt, ernüchternd. Über verwildertes, kniehohes Gras führt andeutungsweise ein Weg zum Haus. Eher zu einem Häuschen. Immerhin, alle Fensterscheiben, soweit ich erkennen kann, sind unversehrt. Übel hingegen der Außenputz. Die vielen vom Mauerwerk herausgelösten Stücke erinnern mich an grob abgerissene Grinde. Ein Fehler? – Am nächsten Tag gehört das angebotene Anwesen mir. Jetzt bin ich mietfreie „Eigentümerin“ eines Hauses mit Garten!
Die Verhältnisse bei Rossberg spitzen sich zu. Ich bekomme kein Gehalt mehr, soll dafür noch mehr Überstunden leisten.
Es reicht. Am 19. Juni kündige ich. Ich weiß, dass ich nun drei Monate kein Geld vom Arbeitsamt erhalten werde. Dank Großmutters Erbe kann ich mir die Immobilie ohne Kreditaufnahme leisten.
Natürlich geistert mir bei all dem ein Hintergedanke im Kopf herum: Diese neue Wohnung bietet ein ideales Versteck für Marco. So könnte es aussehen: Während ich mich mit Gartenarbeit beschäftige, könnte er vielleicht Gefallen daran finden, sich an dieser oder jener Hausreparatur zu versuchen. Handwerklich hat er ja das Zeug dazu. Und wenn er erst mal eine sinnvolle Arbeit hat, wer weiß, vielleicht ist genau das der richtige Ansatz für einen Neuanfang.
Marco lacht mich aus, als ich ihm meine Pläne anvertraue. Die Idee, das Grundstück gepachtet zu haben, findet er dagegen ausgezeichnet. Aber, sagt er, nicht ich werde in diesem Trümmerhaufen hausen, sondern du. So ernst, wie er das gesagt hat, muss ich seine Drohung wahrnehmen. Gleich darauf beschwichtigt er: Ab und zu werde ich natürlich dort auch meine Zelte aufschlagen und dir zur Hand gehen.
Das eingeschössige Haus ist nicht unterkellert, der Boden nicht ausgebaut. Wohnen will ich dort zunächst nicht. Bestenfalls werde ich die ersten Wochenenden auf einer Campingliege zubringen. Beim Betreten des engen Korridors ergeben die Worte des Verpächters einen Sinn: Seit einem Jahr hat niemand mehr das Haus betreten. Die Tür linker Hand führt in die Küche. Der elfenbeinfarbige Küchenschrank stammt vermutlich aus den fünfziger Jahren. Im Raum stehen außerdem ein arg mit Staub bedeckter Tisch, zwei Stühle, auf die ich mich nicht zu setzen traue, sowie ein mit weißen emaillierten kleinen Türchen versehener Kohleofen. Die Gardinen zu beschreiben – dazu fehlen mir die richtigen Worte.
Im kleineren der beiden anderen Zimmer, dessen Fenster nach Osten gerichtet ist, werde ich schlafen. Mit Sonnenschein aufstehen, das wird schön sein.
Interessant finde ich den Riss, der längs durch den fast einen Meter hohen zurückgelassenen Garderobenspiegel im künftigen Schlafbereich geht: Nachdenklich stehe ich davor und betrachte meine zwei Körperhälften. Eine Seite könnte Mutter gehören, die andere Vater. Bei diesem Gedanken befällt mich plötzlich nackte Angst. Nein, ich will mich nicht ständig beobachtet sehen, will nicht permanent an ein schlechtes Gewissen erinnert werden. Augenblicklich schleppe ich den Spiegel in den Korridor. Dort bleibt er in einer Ecke stehen, mit der Glasseite zur Wand.
Worüber ich ausgesprochen froh bin, ist, dass das Dach in Ordnung sein muss; nirgendwo habe ich Anzeichen oder Reste von Nässeflecken entdecken können.
Ist der für meine Verhältnisse zu riesige Garten auch über die Jahre hinweg arg verwildert, so habe ich doch einen geeigneten Winkel entdeckt, den ich bearbeiten könnte. Ein paar Blumenbeete vielleicht und etwas Gemüse; Schnittlauch, Zwiebeln, Petersilie. Weshalb nicht auch Tomaten oder gar Erdbeeren? Wenn dann im kommenden Frühjahr so alles langsam heranwächst, zu blühen beginnt und schließlich geerntet werden kann – das muss doch auch Marco gefallen. Und meine Oma und Tante erst, was wären sie stolz!
Trotz seines Mitleid erregenden Zustands habe ich mein Haus schon jetzt fest in mein Herz geschlossen. Glücksempfinden, Selbstständigkeit – genau das gibt es mir.
Ich bin zweiundzwanzig, gesund und – arbeitslos. Zeit habe ich also im Überfluss. Und wie so oft, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, muss ich die Dinge sofort angehen.
Entgegen meiner ersten Überlegung will ich mich nun doch nicht nur an den Wochenenden hier aufhalten. Zuerst mache ich mich an die Küche. Ich entstaube, wische und scheure und übergehe dabei mein Hungergefühl. Abends lege ich mich auf die aus Eisenrohren gefertigte Campingliege und wache am nächsten Morgen wie gerädert auf. Alle Gelenke schmerzen. Die abgebrochenen Fingernägel ringen mir nur ein kleines Lächeln ab. Zum Glück wird am zweiten Tag der Strom wieder angestellt. In einem kleinen Laden in der Nebenstraße um die Ecke besorge ich mir ein halbes, in Scheiben geschnittenes Brot, einen Becher Margarine, ein Päckchen Kaffee, einige Beutelsuppen und eine Flasche Rotwein.
Vier Tage belege ich bereits mein neues Zuhause. Marco hat sich nicht blicken lassen.
Dafür bekomme ich am Wochenende unangekündigten Besuch von Vater. Statt seines alten grauen „Trabant“ fährt er nun einen gebrauchten silbermetallic-farbenen „Renault“.
Lachend steigt Andrea aus dem Auto, schwenkt in einer Hand triumphierend eine Flasche Sekt.
Gratuliere, sagt sie, drückt mir die Flasche in die Hand und versucht sogleich, die ineinander gestülpten Plastikbecher auseinander zu ziehen. Wir stoßen an mit dem lauwarmen Sekt und begeben uns ins Haus. Vater sieht sich um, fährt dann in die Stadt. Nach knapp einer Stunde ist er zurück. Am Abend haben wir alle Wände mit weißer Latex-Farbe gestrichen.
Was Vater und auch Andrea nicht mitbekommen: Nachmittags fährt ein blauer Audi vor, hält kurz und braust umgehend wieder davon. Ich war gerade dabei, einen neuen Farbtopf aus Vaters Auto zu holen – als ich Marco sehe.
Binnen einer Woche habe ich mit Erfurter Hilfe alle Räume nicht nur renoviert, sondern mich auch dank gebrauchter Möbel mehr als nur notdürftig eingerichtet. Wobei ich nicht unerwähnt lassen darf, dass Vater mir einen Umschlag in die Hand drückte, in dem sich 500 Mark befanden …
Von nun an werde ich also, entsprechend Marcos Wunsch, hier wohnen. Auf den Fernseher will ich nicht verzichten und transportiere ihn auf dem Gepäckträger meines Fahrrades. Knapp zwei Stunden hat die Aktion bei fast 30 Grad gedauert.
Bald pendelt Marco zwischen beiden Wohnungen hin und her. Nach gut einer Woche frage ich ihn einfach mal so, ob es für ihn nicht besser sei, sich hier fest im Ortsteil Schlöndorf niederzulassen. Auch für mich wäre das besser. Statt einer Antwort gibt er mir mit voller Wucht eine Ohrfeige, sodass ich beinahe zu Boden gestürzt wäre, und fragt mich, ob ich nicht noch so andere intelligente Vorschläge in petto hätte.
Einen Augenblick lang spüre ich gar nichts, begreife nichts. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich geschlagen worden, habe die niederträchtigste Art von Bestrafung erfahren. Und ich weiß nicht, warum …? Marco macht einen Schritt auf mich zu, will mich umarmen, merkt, wie ich mich steif mache. Sofort lässt er mich los. Für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich in seine zornigen, flackernden Augen. Allmählich kehren meine Gedanken zurück. Und er? Als sei nichts gewesen, redet er ganz ruhig auf mich ein, lächelt sogar und meint: Was hältst du davon – wir könnten eine Spritztour mit meinem Audi machen. Als Wiedergutmachung für den kleinen Schreck. Du kannst natürlich bestimmen, wohin wir fahren. Ohne ihm zu antworten, gehe ich in die Toilette, drehe den Wasserhahn auf, lasse das Wasser so lange laufen, bis es eiskalt wird. Dann presse ich den nassen Waschlappen gegen meine gerötete, immer stärker brennende linke Wange. Beim Blick in den Spiegel erschrecke ich vor mir selbst und Tränen schießen mir in die Augen.
Nach einer Minute höre ich, wie ein Motor anspringt und sich geräuschvoll entfernt.
Meine Gedanken sind wieder völlig klar. Habe ich tatsächlich bislang alles, was Marco angeht, nur so als eine Art „Spiel“ angesehen, dann wurde mir soeben auf fürchterliche Weise klargemacht, dass ich es mit purer Gewalt zu tun habe.
Zwei Optionen bleiben mir: Bin ich auch nur einigermaßen vernünftig, beende ich umgehend diese entwürdigende, gefährliche Situation. Oder aber ich löse trotz allem mein Versprechen seinen Eltern gegenüber ein. Meine innere Stimme warnt mich, und doch entscheide ich mich für Letzteres. Nun, da ich beide Extreme Marcos buchstäblich am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, sollte ich bei entsprechender Vorsicht auf seine Ausfälle vorbereitet sein.

Im Garten finde ich Ablenkung und Zeit, um über alles nachzudenken. Mit Spaten und Harke in der Hand, lege ich los. Ich grabe und reche, säe, pflanze und gieße.
Das Angebot einer Telefongesellschaft, mein Haus an das Netz anzuschließen, kommt mir mehr als gelegen. Ich möchte nicht noch einmal ohne Verbindungsmöglichkeit nach außen sein … Diesmal bin ich auch gern bereit, die gesamten Kosten dafür zu übernehmen.
Einen Tag später glaube ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich auf der Sparkasse meinen Kontoauszug ausdrucken lasse: Von einem Weimarer Autohaus wurden über siebentausend D-Mark abgebucht. Ein Missverständnis, ein Buchungsfehler – etwas anderes kommt nicht infrage. Doch die Schalterangestellte bestätigt mir, dass mit meiner Unterschrift die Summe abgehoben worden sei. Schwindlig im Kopf wende ich mich ab.
Als ich Marco, der zwei Tage später sein Auto vor dem Haus parkt, zur Rede stelle, …

   
© dorise-Verlag