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verlagsheft2017

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Weiß blüht Mohn in der Dämmerung

Weiß blüht Mohn in der Dämmerung

Beate Vitt

Wenn du heulst, geh ich weg


Wilder Thymian duftete und die Grillen hatten ihr Lied vom Sommer noch nicht beendet. Auf den Beinen waren die Kratzer und Schnitte von Disteln und Grashalmen nicht zu spüren. Dieses Mal nahm ich meinen Bruder mit zu dem geheimen Ort. Die Freunde hatten keine Zeit, sie waren erwischt worden von den Eltern oder brüteten in der Nachmittagshitze über den Hausaufgaben. Der Abhang über den Bahngleisen ist gefährlich, aber Axel war neun Jahre alt geworden und ich war elf, ich konnte schon lange auf ihn aufpassen. Manchmal hatte ich mich gefragt, wie die Eltern ihn lieben können. Er hatte Sommersprossen und Beine so krumm wie Bananen, manchmal weinte er. Meine Beine waren gerade, ich hatte keine Sommersprossen und weinte nicht oft, aber mich liebten sie nicht so sehr wie ihn. Jetzt ging es schon besser mit Axel, er war größer und auch frecher geworden, ich konnte mit ihm spielen und manchmal vergessen, dass er nur mein Bruder war. Deshalb zeigte ich ihm den geheimen Ort, von dem die Erwachsenen nur ansatzweise etwas wussten. Noch niemand hatte einen Abstieg von diesem Felsvorsprung überlebt, der hoch über der Stadt ragte und wegen seines markanten Vorsprungs „Die Nase“ genannt wurde. Ich hatte nie den Wunsch gehabt, hinunterzuklettern, denn hier oben war es schön.
Stundenlang konnte ich hier sitzen und dabei die Züge unter mir beobachten und die Schornsteine der Papierfabrik in der Ferne. Manchmal hielt ein Zug an, weil auf den Gleisen rangiert wurde, und dann zogen wir uns etwas zurück. Die Lokführer stiegen aus und drohten uns, wir sollten da weg. Aber sie konnten uns nichts tun, sie kamen nicht herauf. Nur einmal war einer freundlich, der stand dort unten und rief, es sei lebensgefährlich, weil wir zwanzig Meter tief fallen könnten und dann ganz tot wären, so dass wir nicht mehr aufstehen und ein Zug uns überrollen könnte. Dann würden die Eltern weinen. Aber der wusste nicht, wie sicher ich hier oben saß auf der Nase im Fels, manchmal mit einem Buch und oft einfach nur so und er wusste auch nicht, dass die Eltern nicht weinen würden, nicht wegen so etwas.
Eidechsen bewegten sich nicht, erst als ich meine Hand nach ihnen ausstreckte.
Axel gefiel es auch hier, aber nach einer Weile rutschte er ganz nah an die Kante des Felsvorsprungs heran. „Ist gar nicht so tief“, stellte er fest. „Da kann man hinunterspringen, es gibt einen Weg.“ „Bleib“, sagte ich, aber Axel hatte schon die Beine über die Felskante geschoben, rückte mit dem Körper nach und ließ los. „Au“, rief er. Ich legte mich auf den Bauch und robbte vorsichtig zur Kante. Die Felsnase war insgesamt etwa fünf Meter tief, darunter begann ein sanfter Abhang bis zum Tal. Aber es gab noch einen Vorsprung, den ich bisher übersehen hatte und der die Felsnase im oberen Drittel zweiteilte. Er war breit genug, um darauf zu stehen, und er führte zu einem weiteren Pfad, der sich den Berg hinunterwand. Axel hielt sich die zerschrammten Knie. „Spring“, sagte er. Eigentlich hatte ich keine Lust dazu, aber Axel konnte nicht wieder herauf. Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Wenn du heulst, gehe ich weg“, drohte ich. „Komm“, sagte er, „es gibt einen Weg hier.“ Sollte ich? Ohne ihn konnte ich nicht nach Hause gehen. Und dort unten war noch nie jemand gewesen, wir wären als Erste die Entdecker in einem Abenteuer. Mit geschlossenen Augen ließ ich mich hinab. Der Schmerz war größer als erwartet, weil ich mir die Handkante an dem scharfen Fels aufschürfte. Der Pfad war ganz zugewachsen an manchen Stellen. Es ging durch Schlehengestrüpp und dicht an wilden Rosen entlang, deren Stacheln nicht so spitz waren, die sich aber wie mit Widerhaken fest in die Kleidung und auch in die Haare und die Haut bohrten. Damit nicht alles noch schlimmer aufriss, musste man stehen bleiben und sie herausdrehen. Der gelbe Ginster leuchtete warm und bot beim Klettern Halt. „Verhungern werden wir nicht“, sagte Axel. Er hatte einen wilden Apfelbaum entdeckt, doch die Früchte waren klein und hart. Hinter einer Biegung stieg der Pfad etwas an. Wir standen vor einem Loch in der Felswand. „Eine Höhle“, rief ich begeistert. „Wie im Märchen vom bösen Zwerg, der Schneeweißchen und Rosenrot so übel beschimpft hat.“ „Du träumst wohl“, sagte Axel, „das ist eher die Höhle von Tom Sawyer.“ Oder die von Sindbad oder Ali Baba, dachte ich, doch das lag noch weiter zurück in unserer Abends-Vorlese-Welt. „Am Anfang musst du immer kriechen, erst später wird die Höhle hoch und weit und ist von einem geheimnisvollen Licht erfüllt“, sagte er, dann war er zur Hälfte darin verschwunden. Auf allen vieren folgte ich ihm. Der Weg gabelte sich, eine dunkle Öffnung zeigte nach links und wir duckten uns durch den schmalen Gang, obwohl mir der rechte Teil größer schien. Ich hatte erwartet, die Höhle sei dunkel und warm, aber es wurde sofort kalt und die undurchdringliche Schwärze legte sich eng um den Hals und auf den Brustkorb. Die Luft war anders als draußen. Es war feucht und wir hörten Rieseln wie von Wasser, das die Wand herunterrinnt. „Ich habe Angst“, flüsterte ich. „Du spinnst“, sagte mein Bruder. „Nach der nächsten Biegung ist alles voller Gold und Edelstein.“ Doch er bewegte sich nicht weiter. „Wir müssen zurück“, jammerte ich. Und mir fiel ein, dass unsere Mutter von einem roten Faden erzählt hatte, den man in einer Höhle immer bei sich haben muss, damit man wieder hinausfindet. Und am Ende gab es vielleicht gar keinen Schatz, sondern einen Minotaurus, der die Kinder frisst. „Quatsch“, sagte Axel, „der frisst nur Jungfrauen. Und hör auf zu flennen, du mit deinem roten Faden, das ist typisch Mädchen. Becky hätte nie geheult.“ Ich mochte Becky nicht. Axel bewegte sich wieder vorwärts, als es plötzlich begann, Steine zu prasseln. „Wir werden zugeschüttet“, schrie ich, „los raus hier!“ Er trat mir ins Gesicht, so schnell wie möglich robbten wir rückwärts, rissen uns die Kleidung auf an den scharfen Steinen und die Haut, stießen mit dem Kopf an die Decke, ohne einen Schmerz zu fühlen. Dann waren wir draußen, ich zuerst, und packte seine Fußknöchel und zog ihn ganz heraus. Da stürzte auch schon das Geröll ein, Steine prasselten und kullerten. Der linke Höhleneingang war verschüttet, wir wären nicht mehr hinausgekommen. Es staubte um uns herum und in Axels Gesicht gab es keine Sommersprossen mehr, nur gelbe Schmiere von Lehm. „Wie du aussiehst“, ich versuchte, nicht zu lachen, aber es gelang nicht. „Meinst du, du siehst besser aus“, gab er zurück. Da lachten wir los, kugelten uns, hielten uns den Bauch und prusteten beim Anblick des anderen. Wir waren so erleichtert und wollten keine Schätze der Welt, nicht hier und nicht heute, auch später nicht, niemals. Nichts ist besser als das Leben und die Sonne, der Sommer und ein Bruder, mit dem man lachen kann, eine Schwester, die einen herauszieht.
Abends im Bett war ich noch ganz erfüllt von unserem Glück, in Logik war ich damals unschlagbar. Wochen später, wir wohnten schon nicht mehr in der Stadt, da lasen uns die Eltern die Zeitungsmeldung vor: „Spielende Kinder in Höhle tödlich verunglückt.“ Die Kinder waren irgendwelche Kinder, nicht unsere Freunde, wir hatten sie nicht einmal gekannt. Aber es war unsere Höhle und ein vages Gefühl von Schuld nagte an mir und machte uns verlegen. Als wenn wir diese fremden Kinder zu Nachfolgern verführt hätten, als wenn wir sie durch unser Spiel überredet und verleitet hätten. Sie waren noch jünger als Axel gewesen, ich als Ältere fühlte mich verantwortlich und war es auch auf eine Art. Erst die Zeit vergab, aber die Erinnerung an die Kindheit wurde nie ganz frei von dem Schatten, auch nach Jahren nicht. Aber ich konnte verdrängen.

   
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