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Hölle ohne Himmel

Hölle ohne Himmel

Nur nichts anmerken lassen

Montagmorgen um sechs, über den Flur schrillt dir Trillerpfeife des Unteroffiziers vom Dienst. Sofort bin ich wach, das ist wie immer. Und doch ist dieser Tag völlig anders.
Normalerweise müsste ich einen gewaltigen Brummschädel haben. Ist aber nicht. Als ob ich überhaupt keinen Alkohol getrunken hätte. Ich war schon gestern Abend schlagartig nüchtern, als ich am Straßenrand stand und den anderen Kameraden zusah, wie die Feuerwehren versuchten, das Großfeuer zu löschen. Aus dem Kulturhaus schlugen meterhohe Flammen in den nächtlichen Himmel. Sie fraßen sich durch das gesamte Gebäude. Die Hitze ließ Benzinfässer und LKW-Tanks des benachbarten Fuhrparks explodieren. In der Nacht lag ich wach. Diese Gewalt der Flammen hatte ich nicht erwartet. Und doch habe ich sie entfacht.
Angst steigt auf. Was wird jetzt aus mir werden? Nur nichts anmerken lassen! Du musst dich nur genauso verhalten wie alle anderen. Vielleicht kriegen sie ja doch nicht raus, wer es war. Gesehen hat mich gestern Abend jedenfalls keiner, glaube ich.
Zurückdrehen kann ich die Zeit nicht, auch wenn ich es gern tun würde. Geschehenes wird nicht ungeschehen. Und nach diesem beschissenen Wochenende wundert es mich nicht, dass sich meine Wut so heftig entladen hat. Schon im gestrigen Tageshoroskop war zu lesen, dass Großes und Einschneidendes passieren wird.
„Seien Sie ehrlich und analysieren Sie immer wieder Ihre Lebenssituation. Je zufriedener Sie sind, desto gesünder werden Sie sich fühlen. Worauf warten Sie? Werfen Sie alles, was Sie belastet über Bord.“
Von Zufriedenheit kann ich in der letzten Zeit wirklich nicht reden. Aber es hieß auch weiter: „Ihre Karriere gerät zur Zeit etwas ins Stocken.“
Da ist sie wieder, die Angst vor der Zukunft, vor den Folgen des gestrigen Abends.

Am Wochenende hatte ich ausgiebig Zeit, mir den Kopf über meine Situation zu zermartern. Mein Wochenendurlaub war vom Spieß einfach gestrichen worden. Passte gut in das Gesamtbild. Erst der Ärger mit meinen Eltern und dann der Aufstand hier in der Kaserne.

Dabei lief anfangs alles prima. Gemustert wurde ich für die rückwärtigen Dienste und eingezogen wurde ich zum Stab des Chefs Truppenluftabwehr nach Leipzig. Gleich nach den ersten vier Wochen Grundausbildung brauchte ich nur noch Innendienst schieben. Ich war zufrieden, musste mich mit keiner Geländeausbildung rumschlagen und war bei den Stabsoffizieren ein gern gesehener Soldat. Eines Tages hatte mich mein Vorgesetzter gefragt, ob ich nicht Lust hätte, beruflich bei den Schutz- und Sicherheitskräften einzusteigen. Weil mir auf diesem Wege ein Studium an der Humboldt-Uni ermöglicht wurde, verpflichtete ich mich für den Dienst bei der Zollverwaltung. Ich glaubte, damit endlich mein mögliches Leistungspotenzial zu erreichen, hatte aber nicht mit der Reaktion meiner Eltern gerechnet. Ich dachte, sie wären stolz auf mich. Pustekuchen! Zoff gab es ohne Ende. Meine Entscheidung wurde mit Vorwürfen und Unverständnis quittiert. Auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen während und nach den Kriegsjahren waren sie der Meinung, dass ich besser durchs Leben käme, wenn ich mich politisch neutral verhalten würde. Aber in diesem Staat ging das nicht, wenn man etwas erreichen wollte.

Und so war es für mich eine logische Folge, auch in die Partei einzutreten und mich politisch zu engagieren. Bewegen möchte ich die Menschen und die Gesellschaft, möchte mich für Fortschritt und Entwicklung einbringen und habe dafür auch eine Menge im Politunterricht gelernt. Aber je mehr ich mich darauf einließ, umso größer empfand ich den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Ich verstand auch nicht, warum die SED-Führung seit Anfang des Jahres so rigoros gegen Künstler und Intellektuelle vorging, die ebenfalls nur Missstände beseitigen wollten. In nur kurzer Zeit wurden so viele namhafte DDR-Bürger ausgewiesen, durften nach Auftritten im Westen nicht zurückkehren, bekamen die Staatsbürgerschaft aberkannt. Nur, weil sie öffentlich Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR geübt hatten? Ich konnte es nicht glauben.

Kurz nach meiner Beförderung im April 1979 schlug meine große Stunde. Ich glaubte, dass ich innerhalb der Partei etwas bewegen könnte, wollte auf den Parteiversammlungen das aktuelle Geschehen diskutieren. Doch ich hatte mich getäuscht. Diskussionen waren unmöglich, ich wurde beschnitten, bestraft mit zusätzlichem Politunterricht. Im Mai ist mir der Kragen geplatzt. Der Genosse Versammlungsleiter hatte mich derart gereizt, dass ich hochrot und wütend aufsprang. Vor versammelter Mannschaft schleuderte ich ihm entgegen, dass sich Marx und Engels im Grabe umdrehen würden, wenn sie sehen könnten, was hier in der Praxis abgeht.

Ich musste auf der Stelle den Saal verlassen und am nächsten Tag beim Kommandeur antanzen. Ich sei zu weit gegangen und hätte mir die Zukunft selbst vermasselt. Nur eine Woche später wurde ich aus der Partei gefeuert. Mit meinem Studium war es Essig.

Ich weiß weder ein noch aus. Die ganze Welt scheint sich gegen mich zu richten. Familiärer Halt und Berufsweg sind im Eimer. Alkohol hilft nur bedingt. Wo er hinführt, hab ich gestern Abend erlebt. Er betäubt tiefen Seelenschmerz, aber vernebelt den Verstand.
Für einen kurzen Moment dachte ich einfach daran, Schluss zu machen. Worüber soll ich mich noch freuen?
Es ist acht Uhr, ich stell den Kaffeebecher ab. Gefrühstückt hab ich nichts, keinen Hunger. Die Ungewissheit, man könnte mir im Büro etwas anmerken, bereitet mir in der Bauchgegend ein ungutes Gefühl. Was hilft es, ich muss los. Auf dem Kasino zum Büro begleiten mich graue Wolken. Ein kühler Wind bläst mir ins Gesicht. Und das Ende Juni.

   
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