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verlagsheft2017

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So viel Leben (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-18-7)

Zugriffe: 107 | Wertung:

Schreibworkshop in Wernigerode im September 2017


Liebe Freunde der kleinen literarischen Form,


der Sommer blühte in diesem Jahr üppig. Viele von uns waren unterwegs, machten Urlaub, erholten sich vom Alltag mit seinen Pflichten und Aufgaben. Manche schrieben über ihre Erlebnisse, teilten uns ihre Gedanken in Form von Geschichten, Gedichten, Erzählungen, Notizen, Berichte, Tagebucheintragungen oder Briefen mit. Andere wieder befanden sich im Spannungsfeld zwischen Krankheit und Genesung, zwischen Einschränkung und Hoffnung. Und alle, die sich literarisch damit auseinandersetzten, wurden in unsere gemeinsame Runde von Autoren eingeladen.
So viel Leben, so ein Reichtum! So viele Probleme, so eine Freude!
Wir erlebten uns neu im Miteinander, im Zuhören, Mitdenken, Fühlen, Besprechen und Bearbeiten. Die Stadt Wernigerode war unser Gastgeber und unterstützte auch unser Projekt finanziell. Christine Schulz, Kunstpreisträgerin der Stadt, leitet seit Jahren die Gymnasiasten- und Seniorenschreibgruppe Wernigerode. Sie verhalf uns zu dem wunderschönen Veranstaltungsort.
Der Schriftsteller Peter Hoffmann war gern bereit, einfühlsam auf die Texte, die vorgelesen wurden, einzugehen.
Christa Beau, Mitglied der „Deutschen Haikugesellschaft“ e.V., vier Jahre zweite Vorsitzende, seit 2000 Leiterin der Hallenser Haikugruppe, machte uns mit dieser Dichtkunst vertraut.
Im Anschluss wurden mitgebrachte Texte gelesen und besprochen.
Musikalische Tupfer setzte Josi Schmolke. Das war für alle stimmungsvoll, ganz besonders für unsere Freunde aus Salzgitter.
Noch habe ich nicht Ellen Schauerhammer genannt, die schon viele Jahre lang die literarische Betreuung von Behinderten organisiert. Wie Christine Schulz findet auch sie Wege, Hindernisse zu überwinden. Das zeichnet beide Wernigeröderinnen aus. Ohne ihre Hilfe wären wir manchmal arm dran.
Nun ist das Buch da. Darin versammelt finden sich unsere Texte. Sie sind unterschiedlich wie die Menschen, die sie verfassten. Die Bilder von Rolf Winkler geben ein wenig von der Stimmung wieder, die in uns nachschwingt. Es sind Momentaufnahmen, die sich mit Erinnerungen an unsere Begegnung verknüpfen. Der eine fand in die innere Welt des anderen, spürte Ruhe, Geborgenheit, Verständnis. Der Alltag verlor seine Kanten. Was für ein Luxus.

Dorothea Iser

 

Textauszug:


Ellen Schauerhammer


Friseurgeschichten und andere Wartezeiten


Was wird nicht alles beim Friseur erzählt! Wer kennt das nicht.
Aber in der Physiotherapie bei Heike Förster erlebt man ganz andere Sachen.
Komme ich zu früh? Habe ich mich im Termin vertan? Da sitzt schon eine Dame! Wer von uns ist zur falschen Zeit hier? Das fragen wir uns beide. Das Hochwasser ist schuld. Das hat schon manches Unheil angerichtet. Es ist auch gleich Thema. Schon wieder hat es geregnet. Die Schuhe sind nass, die Strümpfe auch ein bisschen.
Die Flutrenne ist sehr voll. Baumstämme schwimmen drin, bringen Dreck und Unrat mit. Das erzählt die Dame, sie musste auf dem Weg hierher über die Brücke am Westerntor.
In der Sägemühlengasse wohnt sie, neben der Marienkirche, in einem alten Bauernhaus.
Das Haus kenne ich. Hier hat Onkel Brecht gewohnt. Als kleines Mädchen bin ich oft dort gewesen. Wenn im Sommer der Kuhhirte mit seiner Herde von der Weide kam, waren wir Kinder aufgeregt, rannten an die Straße. Manchmal hatten wir auch ein Glöckchen in der Hand und bimmelten mit den Kuhglocken um die Wette. Die Kühe waren schlau. Sie fanden alleine zum Stall. Auf Höhe der Sägemühlengasse ging die Kuh von Onkel Brecht zwischen Monopol und Tankstelle allein die Straße entlang und trabte zufrieden nach Hause.
Die Dame im Wartezimmer schaut mich etwas erstaunt und irritiert an. Da erzähle ich doch glatt noch mehr aus meiner Kindheit. Ich war noch nicht vier Jahre alt, da wurde ich schon vormittags abgeholt von Brechts Töchtern. Sie setzten mich in die Sportkarre. Warum auch immer. Ich konnte doch schon richtig laufen und weit war der Weg auch nicht. Zu Mittag hatte ich mir Milchreis gewünscht. Den bekam ich auch. Bei Zucker und Zimt protestierte ich. Schließlich durfte ich zu Hause Saft dazu haben. Also zauberte Tante Brecht ganz schnell warmen roten Saft. Köstlich. Ich war zufrieden. Mit dem anschließenden „Mittagsschlaf“ war ich wieder nicht so einverstanden. Lieber hätte ich gespielt. Tante Brecht überredete mich. Ich wurde in meine Karre gesetzt. Die Mädchen suchten im Garten einen schattigen Platz unter einem Baum und fuhren mit mir dahin. Nun sollte ich schlafen, wollte aber nicht. Ich könnte ja viel verpassen! Hier gab’s so viel zu sehen – der große Garten mit den Hühnern, ein Spielparadies! Die Mädchen gaben sich große Mühe, sangen Liedchen und schaukelten mich. Einfach aufzustehen aus dem Wagen traute ich mich nicht. War ja ein braves Kind.
Dann muss ich wohl doch eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, saßen die Mädchen neben meinem Wagen. Sie hatten meinen Schlaf bewacht und immer die Fliegen verjagt.
Dann haben wir wunderbar gespielt und ich durfte ganz viele Himbeeren gleich aus dem Garten essen. Eigentlich ist dieser Tag meine intensivste Erinnerung an die Besuche bei Familie Brecht.
Immer noch bin ich mit der Dame allein im Wartezimmer. Sie ist ganz nachdenklich und fragt, wo ich gewohnt habe. „An der Flutrenne, in dem großen grauen Fachwerkhaus bin ich zu Hause.“ „Das Haus kenne ich, da hat die Familie Steinhausen gewohnt, mit der waren wir gut bekannt.“ „Ich war die ‚kleine‘ Ellen Steinhausen!“
„Das gibt’s nicht, dann waren die Mädchen ja meine Schwester und ich!“
Ein falscher Termin kann wunderbare Wartezeiten haben. Nach mehr als sechzig Jahren lernen wir uns neu kennen.

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