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verlagsheft2017

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Die Dauer des Augenblicks (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-16-3)

Zugriffe: 311 | Wertung:
Hundert Jahre Zweisamkeit, ein Roman über hundert Jahre Liebe, Ehe und Familie, über Heimat und Literatur im Spannungsfeld zwischen Ideal und Wirklichkeit aus der Sicht von Anna K., wunderbar erzählt.

Wir sind das, was die Geschichten aus uns machen. Nur selten können wir für uns selber sprechen.
Und meistens existieren wir in Teilen als Kind, Ehefrau, Mutter, Mitarbeiterin, Freundin, Liebende – seit jeher war es das Bestreben der Menschen, den einzelnen Menschen als Vielzahl von Teilen aufzufassen und sich mit dem Teil zu bedienen, den man gerade braucht für Privates, den Beruf, für eine Freundschaft, eine Liebe.
Und ist es nicht so, dass wir längst in Teilen leben, uns selber stückeln und stückeln lassen, selber den Teil aus uns hervortreten lassen, der besonders Eindruck macht, den man lieben und verehren oder zumindest tolerieren kann und den verschweigen, der uns Ärger und Verdruss bringen könnte. Der uns vielleicht in die Isolation treiben würde oder in die Nähe von Lächerlichkeit und Abscheu?
Und ist es nicht so, dass ein jeder von uns mit seinen inneren Bildern, die er selbst von sich hat, und mit den äußeren Bildern, die andere von ihm haben, jongliert, sie immer wieder mischt und neu verteilt in der Gewissheit, dass es genau das ist, was alle tun?
Ist es dann so, dass wir uns selbst gar nicht mehr erkennen wollen?
Heike F. M. Neumann

Textauszug:

Liebesmühen

Ein Hof. Aus den Augenwinkeln registrierte ich Mülltonnen und einen Eingang, der wie ein Kellereingang auf mich wirkte. Georg hantierte an der Brettertür, hängte das Vorhängeschloss aus, schob den Riegel zurück und hängte das Schloss wieder ein. Ich registrierte eine schmale steile Holztreppe, die in der Mitte heruntergetreten war, als ob schon Generationen darüber gelaufen wären, dicke grünfleckige Tapete bis unter die Decke, die mich an die ehemaligen Wände in unserem Schlafzimmer erinnerte.
Georg ging voran. Plötzlich blieb er stehen, zischelte: „Warte.“ Ruckartig bleib ich ein paar Stufen weiter unten stehen. Er klopfte an die linke Tür. Eine Frauenstimme fragte etwas. Ich konnte nicht verstehen, was Georg antwortete, nahm aber wahr, dass eine dunkelhaarige Frau kurz um die Ecke guckte.
Vor Schreck sah ich auf meine Schuhspitzen und hielt die Luft an. So wie ich es immer getan habe, um unliebsame Sekunden vorübergehen zu lassen. Wie im Schulunterricht, wenn der

Blick von Frau Quant über die Klasse schweifte, um denjenigen herauszusuchen, der gleich auf ihre Frage antworten sollte. Hatte sie von der Krankheit meines Vaters gewusst? Dass ich heulte, bis ich irgendwann einschlief?
„Komm“, sagte Georg, nachdem die Frau wieder die Tür geschlossen hatte. Seine Hand hielt einen verrosteten Schlüssel hoch. Er drehte sich zur gegenüberliegenden Tür und öffnete, machte kein Licht. Ich sah, rechts standen Schränke. Sie waren dick mit türkiser Lackfarbe gestrichen, hatten keine Türen, nur leere Fächer. Links im offenen Eck war eine Toilette eingebaut, und ein Wasserhahn ragte aus der buckligen Rückwand. Darunter ruhte auf einem hölzernen Gestell ein winziges Waschbecken.
Georg probierte, ob Wasser kam.
„In Ordnung.“
Er zerrte mehrmals an der Kette der Toilettenspülung.
„Geht.“
Ich schmeckte Staub. Bei jedem unserer Schritte ins angrenzende Zimmerchen schien er in Bewegung zu kommen.
Ich blieb hinter Georg, streifte eine schmutzige Gardine. Sie verhüllte zwei kleine Fenster, die auf den Hof hinausgingen, auf alte Ziegeldächer im Karree.
„Ach“, sagte er, „was ist denn hier los, da muss jemand nach mir hier gewesen sein.“
Jemand hatte die Kästen aus dem rückwärtigen dunklen Schrank herausgerissen und, was drin war, großflächig auf den Boden verteilt: Papiere über Papiere, leere Tablettenschachteln, Ohrstöpsel, Tampons, die aus der Packung herausgerollt waren. Letztere kickte Georg angewidert mit der Schuhspitze weg. Einige der Papiere zog er heraus, glättete sie, indem er sie mit der linken Hand hochhielt und mit der rechten von oben nach unten darüberfuhr und auf den Schrank schob. Was sich wie Lachen anhörte, war kein Lachen.
Ich stand wie erstarrt hinter den Fenstern und hätte mich am liebsten unsichtbar gemacht. Hier sollte ich übernachten? Irgendjemand hatte etwas dagegen. Gegen Georg, gegen mich, dagegen, dass wir zusammen waren. Zusammen blieben.
Es dauerte, bis ich mich umdrehen und über den Schmutz hinweg in Georgs Richtung sehen konnte.
Da stand ja ein Sofa! Und Georg saß nackt auf dem Sofa, hatte die Füße nebeneinander auf den genagelten Dielen und wartete geduldig. Ich schluckte. Zögerte.
Aber Georg bewegte sich nicht, sah nur tieftraurig an sich herunter. Er sah so hoffnungslos aus, dass ich nicht anders konnte und mich an ihn heranschob.
Wie zwei Unglücksvögel saßen wir nebeneinander und schwiegen. Dann fingen wir an, uns gegenseitig zu streicheln. Erst vorsichtig, dann immer heftiger.
Er sah mich an. Den See, in den er tauchte und Knospen ans Licht hob. Sein Blick drehte sich ins Verwundertsein. Sein wilder Atem. Als ob sein Herz in meine Hand springen wollte.
Wir lächelten uns an. Schliefen in der Umarmung ein.
Bis er auf die Uhr sah, sich mit zwei kleinen Sprüngen in seine Hose zwängte. Mir plötzlich wie ein anderer Mensch vorkam.
„Das war zu gut“, sagte er.
Hatte ich mich verhört? Es war ihm nicht anzusehen, ob er tatsächlich gesprochen hatte.
Schon zog er das Hemd an. Jedes der Worte kreiste in meinem Kopf. Und jetzt roch ich wieder den Staub.
„Willst du wirklich nicht zu deiner Freundin?
Ich schüttelte den Kopf.
Er stand gegrätscht, balancierte auf dem linken, dem rechten Bein, um sich Strümpfe und Schuhe anzuziehen.
Aus der Bewegung wie nebenbei: „Wem hast du meine Ausarbeitung gegeben?“
„Ausarbeitung?“ Wieso wollte er jetzt etwas über seine Ausarbeitung wissen?
„Über Kultur.“
Ich sah sein entschlossenes Gesicht und überlegte.
„Lemme. Lemme wusste davon. Sie wusste sogar, wie du das Pamphlet genannt hast.“
„Wem noch?“
„Nur Lemme.“
„Lemme also.“
„Wieso?“
„Sie ist ein Spitzel.“
„Was? Das glaube ich nicht. Ich kann sie zwar nicht besonders leiden, aber ein Spitzel ist sie nicht.“
„Du glaubst mir nicht?“
„Lemme ist drei Jahre im Frauengefängnis gewesen. Nach Stalins Tod soll sie irgendwelche Bemerkungen gemacht haben. Lemme kenne ich schon Jahre, du irrst dich.“
Er stand, sah das Sofa an, nickte, seine Hand winkte einen Gruß.
Ich sah mich um. „Gibt es hier keine Zudecke? Wie soll ich hier schlafen? Morgen zur Konferenz?“ Plötzlich war es eine Konferenz.

Ich sah Georg fassungslos nach. Alles hatte sich verändert. Es musste an dem Satz liegen. Die Wahrheit musste in dem Satz liegen: Das war zu gut! Diesem Satz, von dem ich nicht wusste, wie er ihn gemeint hatte.
Die Tür ruckelte im Schloss.
Ich hatte nicht an den Schlüssel gedacht. Aber er steckte doch. Was hatte Georg gesagt? Wie hatte er den Satz gesagt? Und warum hatte er Lemme beschuldigt? Es hämmerte in meinem Kopf. Lemme wohnte im Sperrgebiet, war von niemandem zu erreichen. Ich zog mich bis auf die Schuhe an, bewegte mich wie eine Katze und schloss die Tür. Ich machte kein Licht und trat nicht an die Fenster. Ich stellte die Tasche dicht an das Kopfende und schob mich wieder auf das Sofa. Ich lauschte auf Schritte, auf Geräusche, auf Nichts. Und immer wieder hasteten Lichtkegel, wie ich sie von Gefängnissen in Filmen kannte, über die Fassade.
In mir der See. Er würde sich langsam leeren, versickern, nichts mehr von der Schönheit des Augenblicks wissen.
Was hatte ER gesagt? Wieder und wieder dieser Satz. Das war zu gut. Konnte er nicht auch positiv gemeint sein? Warum dann aber die Frage nach seinen Unterlagen? Die Beschuldigung: Du hast mein Vertrauen missbraucht, meinen Entwurf weitergegeben, obwohl du mir versprochen hast … Aber wenn er es gewusst hat, wieso hatte er mich hierhergeführt, meinen Körper einer List geöffnet. Wer sagt, dass Worte nur Worte sind, belügt sich und andere. Und wenig später dachte ich noch Schlimmeres: Ich bin ihm ausgeliefert, seine Gefangene. Niemand weiß, wo ich stecke. Ich bin hier oben in dieser Häuserwüste verlorengegangen als ein Nichts. Ohne Namen. Ohne Herkunft. Ohne Zukunft. Der Abend drang von unten her in jede Ritze des Lichts, das sich verdunkelte.
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